Handball

Handball Nationaltorwart sorgt mit Aussagen über den WM-Verzicht von drei Kielern für ein gewisses Maß an Unverständnis

Wolff im Schafspelz

Neuss.Alfred Gislason ist schlau genug, um eine hitzige – und vor allem unnötige – Debatte nicht noch weiter anzufachen. Wenn der Handball-Bundestrainer aber sagt, dass „er nicht zufrieden damit ist, dass diese Diskussion losgeht“, drückt das gerade für den sonst so stoischen Isländer schon ziemlich viel aus. Ihn nervt die plötzliche Kontroverse um den freiwilligen WM-Verzicht von einigen Nationalspielern. Zumal das Thema schon beendet war, ehe sich Torwart Andreas Wolff bemüßigt fühlte, in ungewöhnlich scharfer Art und Weise die daheimbleibenden Kieler Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold abzukanzeln. Alle drei Spieler hatten aus familiären Gründen für das Turnier abgesagt: Oder anders ausgedrückt: wegen Corona. Der Nationalkeeper findet genau das „sehr, sehr kritisch“, weshalb er den Wolff im Schafspelz gab.

Gislason war am Donnerstag im Mannschaftshotel des Deutschen Handballbundes (DHB) in Neuss bemüht, die Angelegenheit vor dem EM-Qualifikationsspiel am Sonntag (18.10 Uhr/live in der ARD) gegen Österreich nicht noch größer werden zu lassen. Und das gelang ihm auch.

Trotzdem war ihm ein gewisses Maß an Unverständnis – um nicht zu sagen: Ärger – anzumerken. Manchmal muss man seinen Unmut eben nicht direkt ausdrücken, sondern auf eine etwas subtilere Art und Weise. Am Ende versteht die Botschaft ohnehin jeder. Wahrscheinlich auch Wolff.

„Ich habe sehr ausführlich mit den Spielern (Pekeler, Wiencek, Weinhold: Anmerkung der Redaktion) gesprochen. Wir vom DHB hatten von uns aus mit ihnen alles besprochen.“ Heißt übersetzt: Warum mischt sich Wolff da überhaupt noch in ein Thema ein, dass ihn nichts angeht? Oder: „Ich hatte gehofft, dass ich mich auf andere Sachen konzentrieren kann. Andi ist bekannt dafür, dass er seine Meinung raushaut. Aber das stört die Vorbereitung.“ Bedeutet: Was soll diese unnötige Ablenkung? Und: „Es ist schade für die Spieler, die ihre Zeit für Deutschland geopfert haben. Sie sollten nicht ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.“ Was in etwa so viel heißt wie: Volles Verständnis für Pekeler, Wiencek und Weinhold.

Böhm anderer Meinung

Wolff kann die Absagen der drei Kieler Profis vor allem deshalb nicht nachvollziehen, weil es das Trio zuvor auch nicht gestört habe, mit ihrem Club in der Champions League aktiv zu sein und dort in Länder zu reisen, die als Corona-Risikogebiete eingestuft worden seien.

Gislason führte bislang keine persönliche Unterredung mit Wolff, auch DHB-Vize-Präsident Bob Hanning war darum bemüht, das Thema kleinzuhalten: „Wir haben weder Unruhe im Team noch im Umfeld.“

Nationalspieler Fabian Böhm räumte aber ein, dass sich die Mannschaft über Wolffs verbalen Frontalangriff unterhalten, es aber keinen „großen Aufschrei“ gegeben habe. „Jeder hat seine Meinung und bei Andi ist es normal, dass er seine Meinung laut und groß kundtut. Ich habe eine andere Auffassung, es wurde innerhalb der Mannschaft aber auch nicht kritisch gesehen“, sagte der Rückraumspieler, dem in Gislasons Planungen eine zentrale Rolle in der Abwehr zugedacht ist.

Beim 37:26-Hinspielsieg in Österreich agierte der Mann vom Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf auf der Spitze der 5:1-Deckung. „Das ist eine neue Rolle für mich“, sagte der Rechtshänder, der mit 31 Jahren der zweitälteste Feldspieler im deutschen Kader ist und mit Blick auf seine Defensiv-Aufgabe meinte: „Es geht darum, das Spiel ein bisschen zu lesen.“ Das, so meinte Böhm, mache ihm Spaß. Und es bereitet ihm gewiss mehr Freude, als sich mit streitbaren Aussagen seines Torwarts herumzuplagen.

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