Handball

Deutschland Christian Prokop glaubt an seine Mannschaft, er hält am Ziel Halbfinale fest – der Bundestrainer räumt aber auch Defizite ein

Zwischen Vertrauen und Wunschdenken

Archivartikel

Trondheim.Julius Kühn zuckte und lächelte schon, weil ja irgendwie klar schien, was da gleich passiert. Die Ehrung als bester Spieler der Partie konnte eigentlich nur an ihn gehen, erzielte der wurfgewaltige Rückraummann doch acht Tore für die deutsche Handball-Nationalmannschaft beim 28:27-Erfolg über Lettland. Dem Melsunger war „es leicht von der Hand gegangen“, wie der 26-Jährige sagte, weshalb er so etwas wie der Sieggarant war, wenn man es positiv ausdrücken wollte. Man hätte aber auch sagen können: Als einziger brachte er eine überragende Leistung im DHB-Dress.

Die Verantwortlichen der Europäischen Handballföderation sahen das anders, sie zeichneten Paul Drux aus, womit wieder einmal alles über den Wert solcher Ehrungen gesagt ist. Bisweilen geht es dabei so wild zu wie bei der deutschen Mannschaft auf dem Feld, selbst gegen Handball-Zwerg Lettland zitterte der WM-Vierte. „Das haben wir uns anders vorgestellt“, sagte Kühn und es sprach für ihn und alle anderen beim DHB, dass niemand vor dem ersten Hauptrundenspiel am Donnerstag in Wien gegen Weißrussland die bisherigen EM-Auftritte beschönigen wollte.

„Müssen drauflegen“

„Wir müssen in allen Mannschaftsteilen viele Prozente drauflegen. Das reicht nicht in der Hauptrunde“, sagte Rückraumspieler Kai Häfner. Kapitän Uwe Gensheimer gab indirekt zu, dass Turnier vielleicht ein wenig zu optimistisch angegangen zu sein: „Wir sind leider noch nicht so weit als Mannschaft – zumindest in dieser Konstellation –, wie wir uns das vorgestellt haben nach der Vorbereitung.“

Entsprechend räumte Bundestrainer Christian Prokop auch „Defizite“ ein, die aber erklärbar seien: „Wir haben einige Absagen und müssen im Angriff unter Stresssituationen neue Lösungen finden und neue Leute in die Verantwortung bringen. Das ist jetzt nicht überall erste Wahl. Aber das sind gute Jungs. Unsere Chance liegt im Steigerungspotenzial.“

Ehrliche Worte

Kurzum: Der 41-Jährige stellte fest, dass sein Team gerade nicht in den Leistungssphären unterwegs ist, die es für ein eventuelles Halbfinale bräuchte. Er sprach sogar davon, dass man „momentan nicht imstande sei“, den zweiten Hauptrundengegner Kroatien am Samstag zu bezwingen. Dabei müssen die Deutschen genau das, wenn sie das Halbfinale im schwedischen Stockholm erreichen wollen.

Es waren ehrliche Worte des Bundestrainers, die er exakt im Sinne seines Auftretens aussprach. Prokop behält die Ruhe, redet die Mannschaft stark, weil der 41-Jährige ganz genau weiß, dass es angesichts der schwierigen Begleitumstände wenig Sinn macht, nur negativ oder kritisch gestimmt zu sein. Vor allem glaubt der Coach aber wirklich an diesen Kader, an seine Arbeit und an die Fortschritte, weshalb er „auch nach den vielen Verletzungen nicht von Zielen abrücken möchte, weil die Mannschaft es verdient hat, dass wir daran arbeiten“. Und – natürlich – weil „ich daran glaube“.

Eindringlich – jedoch ohne missionarischen Eifer – wiederholt Prokop das seit einigen Tagen, was dann aber doch etwas Beschwörendes an sich hat. Gewiss ist auch ein bisschen Wunschdenken dabei. Denn er verspricht nicht, dass sich das Team steigern wird, sondern redet lediglich davon, dass darin eine Chance liegt.

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