Haus und Garten

Ernte im Keller

Archivartikel

Pilze sind nicht nur ein Herbstklassiker. Zwar findet man sie dann im Wald, aber im Supermarkt kommen sie schließlich aus der Zucht – und die ist ganzjährig möglich. Das gilt auch für den eigenen Anbau von Pilzen im Haus.

Er gelingt in allen Zimmern, sogar in den dunklen Räumen im Keller. Das geht etwa mit Fertigpaketen aus Substrat und Pilzbrut. „Sie funktionieren am einfachsten und sind sehr hygienisch“, urteilt Folko Kullmann, Buchautor und Gartenbau-Ingenieur aus Stuttgart.

Aber Pilze können – vorwiegend in den wärmeren Monaten – auch auf eigenen Materialien auf Balkon und Terrasse gezüchtet werden. „Alle Speisepilze, die man selbst anbauen kann, wachsen auf abgestorbener organischer Substanz – also Stroh, Holz, Getreidekörnern, Stroh- oder Holzpellets und dergleichen“, erläutert Kullmann. Sogar auf Kaffeesatz können Pilze wachsen. Aber das A und O ist, dass das Material sauber ist.

„Das Substrat darf nicht mit anderen Erden vermischt werden“, erklärt Peter Marseille, Botschafter des Bundes Deutscher Champignon- und Kulturpilzanbauer in Leichlingen. Fremde Bakterien oder andere Pilze bekämpfen sich im Boden mit den Speisepilzen – letztere können dann häufig keine Fruchtkörper bilden. Die hohen Anforderungen an die Sauberkeit gelten auch für die Lagerung von Substrat und die verwendeten Hilfsmittel wie Gefäße, Werkzeug oder Ähnliches.

Sägemehl für Edelpilze

Sehr häufig wird für die Anzucht im Haus steriler Kompost oder Sägemehl verwendet. „Welches Substrat man nimmt, hängt von der Pilzart, die man züchtet, ab“, erklärt Marseille. Für Champignons sei auf ein nährstoffreicher, steriler Kompost gut, steriles Sägemehl für Edelpilze wie Shiitake ideal.

Für den Einstieg in die Pilzaufzucht empfiehlt Kullmann die verschiedenen Seitlinge – etwa Austern, Kräuter-, Rosen- oder Zitronen-Seitlinge. Sie kann man leicht auf Stroh, Sägemehl oder Fertigsubstraten ziehen. Auch Braunkappen und Shiitake wachsen ihm zufolge gut, letzterer lasse sich im Fertigsubstrat schon nach gut zwei Wochen das erste Mal ernten.

Mit diesen Pilzen kann man Erfahrung sammeln und sich dann an die Kultur von Pioppinos oder Champignons wagen. Letztere führen die Bekanntheitsskala bei den Zuchtpilzen an.

Eine Champignonbrut kommt in ein flaches Gefäß mit Substrat, das abgedeckt wird. Nach zwei bis drei Wochen bei hohen Raumtemperaturen zwischen 20 und 24 Grad wächst das Myzel im Substrat. Die Bildung von oberirdischen Fruchtkörpern wird angeregt, indem man die Temperatur auf zehn bis 18 Grad absenkt und die Oberfläche des Substrates aufraut. Andere Pilzarten brauchen andere Temperaturen.

Wie viele andere Pilze auch brauchen Champignons kein Licht, weshalb sie sogar im Keller gezüchtet werden können. „Fern von Sonne und Heizung sowie frei von Wind oder Zugluft sollte der Standort sein“, rät Experte Marseille. Sonst trocknet das Substrat schnell aus, und Pilze mögen es feucht.

Statt einer Gießkanne aber empfiehlt Marseille einen Zerstäuber, um das Substrat gleichmäßig feucht zu halten. „Die Gefäße sollten auch nicht in den Heizungskeller gestellt werden, weil es dort meist zu wenig Sauerstoff gibt“, ergänzt er.

Abgesehen von dem fehlenden Bedürfnis vieler Pilzarten nach Helligkeit, funktioniert die Aufzucht fast wie der gewohnte Gemüseanbau. Aber Pilze sind kein Gemüse.

Zwar werden sie landläufig gerne so bezeichnet – vor allem, da es kulinarisch Sinn macht. Aber die Zuordnung ist botanisch nicht richtig. „Pilze bilden neben Tieren und Pflanzen ein eigenes Reich innerhalb der mehrzelligen Lebewesen“, erklärt Kullmann. Der wesentliche Unterschied: Pilze betreiben keine Photosynthese, sondern sie leben von organischen Substanzen.

Pilze wachsen unsichtbar

„Man unterscheidet bei den Pilzen die mehrzelligen Pilze, zu denen Ständerpilze wie Champignon, Steinpilz, Fliegenpilz und Co. gehören, und die Einzeller wie Hefepilze“, sagt Kullmann. Bevor die großen, teilweise schweren und festen Fruchtkörper erscheinen, wächst jede Pilzart unsichtbar schon lange durch die Erde oder das Substrat.

Daher kann es auch länger dauern, bis man bei der Kultur von Pilzen im Freiland erntefähige Fruchtkörper bekommt – neun Monate Vorbereitungszeit können nötig sein. „In dieser Zeit entfaltet die Brut das Myzel in den Holzstämmen aus Hartholz“, erklärt Marseille. Er rät, dafür Knüppelholz von Eiche, Buche oder Obstgehölzen zu verwenden. „Zum Impfen bohrt man die Triebe an und steckt mit Pilzbrut präparierte Holzdübel in die Löcher.“

Anschließend stellt man die Stämme auf und deckt sie mit einer Plane ab. Darunter entwickelt sich ein für die Pilze optimales Mikroklima mit geringem Sauerstoffgehalt, „so dass das Myzel rasch anfängt zu wachsen“, erklärt der Experte. Nach neun Monaten muss der Hobbygärtner wieder ran: Er wässert nun die Stämme in der Regentonne – und bald darauf entwickeln sich die ersten Fruchtkörper.

Und wenn keine Pilze mehr wachsen, ob bei der Brut im Haus oder im Garten? Dann kommt die Unterlage auf den Kompost. „Da kann das Substrat komplett verrotten und ergibt einen großartigen Dünger für alle Gartenpflanzen“, erklärt Kullmann. dpa-tmn

Buch-Tipp: Folko Kullmann, "Pilze anbauen: Kulturverfahren, Arten & Substrate", Franckh Kosmos Verlag, 2018, 96 Seiten, 16,99 Euro.