Haus und Garten

Trends Teilbare Räume, mehr Gemeinschaftsflächen – eine Forscherin plädiert für Flexibilität beim Thema Wohnen

Leasen statt selber bauen?

Wien.Viele Menschen bauen einmal im Leben und investieren dabei so viel, dass sie auch an das Haus gebunden sind. Das passte gut zu den meisten Biografien in den vergangenen Jahrzehnten. Heute aber erleben viele regelmäßig Jobwechsel, neue Beziehungen und damit viele Umzüge – das Konzept „einmal im Leben ein Haus bauen“ geht also oft nicht mehr auf.

Oona Horx-Strathern plädiert daher für mehr flexible Wohnräume und auch flexibleres Wohnen. Sie ist Trendforscherin und beschäftigt sich mit der Architektur der Zukunft. Gerade hat sie den „Home Report 2019“ für das Zukunftsinstitut veröffentlicht. Im Interview erläutert sie die Chancen, aber auch die Nachteile von flexiblen Wohnkonzepten.

Frau Horx-Strathern, Sie sagen, der Wohnraum muss so flexibel sein, dass er sich dem Leben anpasst und nicht umgekehrt wir uns an den Wohnraum. Wie kann das aussehen?

Horx-Strathern: Es ist schwierig, ein Haus zu bauen, das flexibel ist. Doch es gibt gute Beispiele, etwa die Wohnungen von Klaus Kada in Wien. Hier sind die Wände beweglich – genauer gesagt sind die Wände verschiebbare große Schränke. Wenn zum Beispiel ein Paar ein Baby bekommt, kann es den Schrank bewegen, um vom Wohnzimmer ein Kinderzimmer abzuteilen. Oder wenn jemand künftig zu Hause arbeiten möchte, schafft man so ein Büro.

Das Projekt wäre allerdings fast gescheitert.

Horx-Strathern: Ja, es handelt sich nämlich um Sozialbauwohnungen, und die Stadt finanziert nur bestimmte Bauweisen. So gibt es für Möbel wie die Schränke keine Förderung. Das ist ein Beispiel dafür, dass Bauordnungen und die Baubranche noch in der Walkman-Zeit sind, wir aber sind schon in der Smartphone-Zeit. Das Bedürfnis nach Änderung und Flexibilität lässt sich oft nur schwer durchsetzen.

Erwarten Sie, dass solche Bauten die Zukunft sein werden?

Horx-Strathern: Das Problem bei Wohnungen mit solchen verschiebbaren Wänden – und das wird wahrscheinlich immer das Problem sein – ist Lärm. Sobald man an einer Wand oben und unten einen Spalt hat, geht Lärm hindurch. Das heißt: Eigentlich ist so etwas nicht geeignet für Familien mit Kindern, wo es mal lauter wird. Es ist theoretisch sehr schön, aber praktisch ist es nicht. Ich denke daher, flexibles Wohnen wird sich vielleicht eher als Form von temporärem Wohnen umsetzen lassen. Das heißt, wir bauen oder kaufen nicht mehr das Haus oder die Wohnung fürs Leben, sondern wir ziehen öfters mal um.

Wir wohnen künftig also vermehrt zur Miete?

Horx-Strathern: Nicht unbedingt. Wir brauchen flexiblere Verträge, so dass man nicht mehr so stark gebunden ist. Das merken Anbieter in vielen Großstädten wie London schon: Die Menschen haben heute andere Lebensläufe und viel mehr verschiedene Phasen im Leben als unsere Großeltern. Sie wollen daher nicht so gebunden sein. Man will vielleicht eine Wohnung leasen statt fürs Leben zu bauen. Oder man will erst mal sechs Monate zur Probe wohnen. Und es wird viel mehr Praktischeres gebraucht – und das heißt eventuell auch kleinerer Wohnraum. Die Städte werden immer dichter, der Preisdruck größer. Ich glaube, wir werden daher in Zukunft auch viel mehr in Co-Living-Spaces wohnen.

Kann kleiner Wohnraum auch attraktiver Wohnraum sein?

Horx-Strathern: Co-Living-Spaces sind kleine Einheiten mit Gemeinschaftsflächen. Ich sage gerne, es ist eine Balance zwischen privaten Quadratmetern und geteilten Quadratmetern. Das heißt, man kann auf kleinem Wohnraum gut leben, solange man im Haus selbst noch weitere Optionen hat – wie einen Waschsalon, eine Bibliothek, eine große Küche oder Gästezimmer. Wenn man das gemeinsam anbietet, kann man die Flexibilität des Wohnens behalten und trotzdem selbst auf kleinem Raum leben.

Manche Wohnkonzepte sehen sogar geteilte Haustiere für die Gemeinschaft vor. Was hat es damit auf sich?

Horx-Strathern: Es gibt auch in Deutschland interessante Beispiele, etwa mit Dog-Sharing. Oder es gibt einen Hühnerstall, Ziegen oder Bienen im Gemeinschaftsgarten, wo sich dann auch die Nachbarn treffen. Es ist ein Problem in vielen Städten, dass der öffentliche Wohnraum verschwindet. Ich glaube daher: Wenn die Menschen sich nicht mehr wie früher abends auf der Straße treffen oder gemeinsam in Cafés sitzen können, dann muss man das in der Wohnlage direkt anbieten. Diese Co-Living-Spaces sind oft verbunden mit gerade so etwas Analogem wie einem Hühnerstall. Die Menschen haben dann ein Thema außerhalb ihres Lebens im Internet.