Heddesheim

Heddesheim Seit 1975 saßen sie im Gemeinderat – im Gespräch mit dem „MM“ blicken Ursula Brechtel und Josef Doll zurück

Abschluss nach „44 Lehrjahren am Nabel der Gemeinde“

Archivartikel

Für Ursula Brechtel (76) und Josef Doll (74) endet am kommenden Mittwoch, 3. Juli, ein langes Kapitel. Nach jeweils 44 Jahren im Gemeinderat werden sie aus dem Gremium verabschiedet. Bürgermeister Michael Kessler wird beide mit der Ehrenbürgerwürde auszeichnen. Im Gespräch mit dem „MM“ blicken sie zurück – und ein wenig voraus.

„Ich bin neugierig, wie ich in Zukunft darauf reagiere, wenn ich Nachrichten aus dem Gemeinderat lese“, sagt Doll und lacht. „Das hat einen ja die ganzen Jahre stark beschäftigt“, ergänzt er. „Das Interesse wird bleiben“, bestätigt Brechtel (76). Auch sie muss lachen: „Dann denkt man vielleicht, oh je, was haben die jetzt bloß entschieden?“

Mit damals 32 Jahren zog die gelernte Hauswirtschaftsmeisterin 1975 in den Gemeinderat ein – als eine der beiden ersten Frauen überhaupt. „Ich bin ganz unbefangen reingegangen“, erinnert sie sich. Vom anderen Tischende habe sie der damalige Bürgermeister Fritz Kessler direkt weiter nach vorn gesetzt. „Auf diesem Platz sitze ich im Prinzip noch heute.“ Doll weiß noch, wie er und die übrigen Neu-Gemeinderäte von den „alten Hasen“ in der Fraktion unter die Fittiche genommen wurden: „Wir fünf saßen jeweils zwischen zwei der sechs alten Räte“, erzählt er schmunzelnd.

Es war die erste Sitzung mit einem von 16 auf 22 Mitglieder vergrößerten Rat. „Ich bin damals als 22. ’reingewählt worden“, erzählt Brechtel. Das änderte sich mit der Zeit grundlegend: Bei ihrer letzten Wiederwahl 2014 war sie mit den meisten Stimmen die erste – wie viele Male zuvor.

Wenn die beiden auf wichtige Entscheidungen zurückblicken, fällt ihnen unter anderem das Sportzentrum ein. „Da gab es in unseren frühen Jahren viele neue Dinge“, erinnert sich Brechtel. Das erste größere Baugebiet, das sie als Gemeinderätin miterlebte, war kurioserweise jenes, in dem sie Ende der 1970er Jahre mit ihrem Mann Willi selbst baute.

Zwei, die selten uneins waren

Hoch her ging es im darauffolgenden Jahrzehnt beim Thema Bürgerhaus: „Die Frage war, soll es an die Peripherie oder in den Ort?“, erinnert sich Brechtel an heiße Diskussionen. Die CDU plädierte für den heutigen Standort, „damit das Leben im Ort bleibt“. Die Entscheidung für den Bau in zweiter Reihe fiel anfangs mit dem Ziel, dass der alte „Pflug“ an der Straße erhalten würde. Am Ende kam es bekanntlich anders.

Entscheidungen, bei denen Doll und Brechtel verschiedener Meinung waren, gab es nicht viele. „Der Seppel und ich waren uns meistens aus Überzeugung einig“, erklärt die 76-Jährige. Eine Ausnahme machte der Golfplatz, erinnern sich beide. „Das war ein heikles Thema, viele alte Gemeinderäte sahen da einen elitären Verein“, sagt Brechtel. Sie selbst stimmte für die Einrichtung, Doll dagegen. „Auf hessischer Gemarkung gibt es angrenzend ein Naturschutzgebiet, das hätte man erweitern können“, erklärt er.

Wurde früher mehr gezofft als heute? Beide überlegen. „Es wurde anders gezofft“, antwortet Brechtel dann: „Man hat sich auch gestritten, aber es war schnell wieder vorbei. Man ging trotzdem noch gemeinsam irgendwo hin. Heute nicht mehr so, das ist schade.“ In früheren Jahren seien Gemeinderäte auch viel häufiger bei örtlichen Veranstaltungen präsent gewesen. „Diese Kultur hat sich verloren“, bedauert die Bürgermeister-Stellvertreterin: „Bei den Vereinen, die ja auch ehrenamtlich tätig sind, sollte sich ein Gemeinderat schon sehen lassen“, findet sie.

Rund zehn Jahre liegen inzwischen hinter der Zeit, in der selbst gestandenen Räten die Lust auf öffentliche Veranstaltungen zuweilen verging: Während des Streits um das Pfenning-Projekt, der den gesamten Ort in zwei Lager spaltete. „Das war belastend“, räumt Doll ein. „Ich habe viel von dem Ärger herausgestrampelt“, erzählt der passionierte Radfahrer. „Viel zu persönlich“ seien manche Gemeinderäte in der Öffentlichkeit angegriffen worden, stimmt Brechtel zu: „Ich glaube, das hat es nirgendwo so gegeben.“

„Es hat viel Spaß gemacht“

Ihre Bilanz insgesamt kann das nicht trüben. „44 Jahre Gemeinderat waren auch Lehrjahre“, fasst Brechtel zusammen: „Aber es hat viel Spaß gemacht, man ist am Nabel der Gemeinde.“ Beide können sich auch heute immer wieder an Entwicklungen erfreuen, die sie mit entschieden haben. Der Dorfplatz als Treffpunkt für Jung und Alt gehört dazu: „Man sieht ja, das wird gut angenommen.“

Auch wenn die Noch-Gemeinderäte ihr Amt gern ausgeübt haben: Ein Gefühl von mehr Freiheit werde sich vielleicht schon einstellen, vermuten sie. „Entscheidungen sind schließlich auch Lasten“, gibt Doll zu bedenken. „Man entscheidet ja nicht für sich, sondern zum Gemeinwohl“, erklärt seine Fraktionskollegin. Von Bürgern auf konkrete Probleme und Anliegen angesprochen, habe sie daher „nie jemandem etwas vorgemacht“. Doll: „Das einzige Versprechen, das man als Gemeinderat geben kann, ist ein Anliegen vorzubringen.“ Auch darin sind sich beide vollkommen einig.