Heddesheim

Heddesheim Bürger zeigen großes Interesse an der Ortsgeschichte / Reger Betrieb am Bauzaun in der Oberdorfstraße

„Archäologisches Mekka“

Archivartikel

Wo Günter Urban einst wohnte und spielte, lebten vor über 1000 Jahren bereits die Merowinger – und das findet nicht nur der gebürtige Heddesheimer spannend. Während auf dem Baugrundstück an der Oberdorfstraße/Ecke Gartenstraße die Archäologen die Baustelle untersuchen, bleiben am Zaun immer wieder Schaulustige stehen.

Günter Urban interessieren die Arbeiten auf dem Grundstück, auf dem früher sein Elternhaus stand, natürlich ganz besonders. Der Heddesheimer wurde 1953 in jenem, kürzlich abgerissenen Haus in der Oberdorfstraße 19 geboren und wohnte dort 24 Jahre. „Die Schmiede und die Scheune waren ein toller Spielplatz“, erzählt er. „Aus heutiger Sicht auch gefährlich“, fügt Urban hinzu. Sein Opa Wilhelm Schubach war schon Schmied und übergab in den 1950er Jahren Schwiegersohn Fritz Urban den Handwerksbetrieb.

Enkel erzählt von der Schmiede

„Ich kann mich dran erinnern, dass mein Opa mit 83 Jahren noch einem Pferd neue Hufeisen verpasste“, berichtet sein Enkel. Stolz war der Knabe, wenn er während der Prozedur ein Pferd halten durfte. „Da hatte ich keine Probleme, die Pferde waren ruhig“, erinnert sich Günter Urban. „Wenn ich daran denke, dass hier schon vor über 1000 Jahren Menschen lebten, arbeiteten und eine Gemeinde bildeten, ist das ein sonderbares Gefühl“, gesteht er. Wenn die Archäologen abgezogen sind, sollen auf dem Grundstück zwei neue Doppelhäuser mit je zwei Wohneinheiten entstehen. Im März 2021 will der Bauträger, die AL Bau Handels GmbH, das Projekt abgeschlossen haben.

Freude über das große Interesse

Zahlreiche Passanten bleiben unterdessen an einer Info-Tafel am Bauzaun stehen, die Peter Seitz dort angebracht hat. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Archäologen Klaus Wirth, der die Ausgrabung leitet, ist an der Geschichte seines Wohnortes sehr interessiert. Der Musiker – er spielt keltische Harfe – kümmert sich auch um die Verpflegung der Helfer auf der Grabungsstelle. Er meint: „In dieser geschichtsträchtigen Erde zu buddeln, ist ein Vergnügen für mich.“

Ein Ehepaar steht mit Tochter Amelie an der Wand mit den Schaubildern und ruft Grabungsleiter Klaus Wirth. Jenny und Jan Seltz aus Ilvesheim haben den Artikel im „MM“ über die Ausgrabungen gelesen und sind extra mit ihrer achtjährigen Tochter nach Heddesheim gefahren. „Ich lese gerne historische Kinderromane, Geschichten aus Ägypten“, erzählte die Schülerin. Weil sie gerne wissen will, wie früher die Menschen gelebt haben, beschäftigt sie sich mit dieser Thematik. Von Klaus Wirth erfährt sie, dass der rote Kreis am Boden vor langer Zeit einmal ein Ofen war. „Das finde ich spannend“, sagt Amelie.

Archäologe Wirth freut sich über das große Interesse an der Fundstelle. „Die Menschen wollen wissen, was hier einst war“, sagt der Fachmann, der sich von vielen Ausgrabungen bestens mit den historischen Schätzen im Heddesheimer Boden auskennt. Seit gut drei Wochen leitet er das Team vor Ort, ist mit Hacke, Schippe und Spachtel am Schuften.

Die Folgen der Corona-Krise bekommt auch er zu spüren. Denn einige seiner langjährigen, ehrenamtlichen Mitarbeiter können dieses Mal nicht bei der Spurensuche helfen. „Sie gehören zur Risikogruppe“, bedauert Wirth. Und körperlich anstrengend ist die Arbeit auf der Baustelle schließlich auch.

Weitreichende Erkenntnisse

„400 Quadratmeter Boden wurden hier schon mit dem Bagger bewegt“, führt Wirth aus. Vier Grubenhäuser aus dem 7. Jahrhundert, der Merowingerzeit, und eines aus dem 8./9. Jahrhundert, der Karolingerzeit, sind einige der Funde, die bei den Untersuchungen schon ans Tageslicht kamen. „Das sehen wir an der Tonware, die wir gefunden haben“, erklärt der Experte.

„Hier befindet sich wirklich ein archäologisches Mekka“, schwärmt Wirth von den weitreichenden Erkenntnissen zur Heddesheimer Frühgeschichte. „Über bedeutende Fundstücke werden wir noch berichten“, verspricht er – und schabt schon wieder nach weiteren Objekten.