Heddesheim

Heddesheim/Straßenheim Hertha und Gerhard Seitz warteten mit 12 000 deutschen Urlaubern auf die Rückreise aus Neuseeland

Gestrandet am anderen Ende der Welt

Archivartikel

In Neuseeland zu urlauben ist für viele Touristen ein Traumziel, darauf freuten sich auch Hertha und Gerhard Seitz aus Straßenheim. Über 18 000 Kilometer mussten sie fliegen, bis sie die gebuchte Rundreise antreten konnten. 22 Tage sollte die Tour dauern. Durch die Corona-Pandemie wurden 42 daraus – plus 14 Tage Quarantäne zu Hause.

Neuseeland liegt teils auf der australischen, teils auf der pazifischen Platte und ist sowohl mit dem europäisch geprägten Kulturraum Australiens als auch mit dem polynesischen Teil Ozeaniens verbunden. „Wir haben wunderbare Eindrücke in dem 1680 Kilometer langen Land erlebt“, erzählen die Gestrandeten. „Wache in einem Land auf, in dem dich jeden Tag neue Abenteuer erwarten“, so steht es in einem Neuseeland-Reiseprospekt. Ganz so abenteuerlich hätte es das Ehepaar Seitz allerdings dann doch nicht erwartet. . .

Der Hinflug, die Reisegruppe aus der Region hatte 16 Teilnehmer, führte über Singapur. „Da war die Welt noch in Ordnung“, erinnert sich Hertha Seitz. Beim Abflug in Frankfurt hörten sie nur, in China sei ein Virus ausgebrochen. Sie mussten bei der Einreise in Singapur einen Fragebogen ausfüllen: „Waren Sie in China, Italien oder Österreich?“ Zum Glück nicht. Erstaunt war das Paar, als bei der Gruppe Fieber gemessen wurde. Beim Betreten und Verlassen des Hotels dieselbe Prozedur.

Anfangs noch alles wunderbar

Zwei schöne Tage verbrachten sie in Singapur und waren begeistert von der Stadt. „Aber eine Gefahr erkannten wir da nicht“, so Gerhard Seitz: „Unsere Reiseleiterin sagte auch nichts zu diesem Thema.“ Im neuseeländischen Christchurch hörten sie drei Tage später erstmals etwas zum Coronavirus. „Die Reiseleiterin staunte, dass keine chinesischen Touristen mehr zu sehen waren“, berichtet das Ehepaar.

Hertha Seitz ist in Heddesheim bekannt als langjährige, aktive und kreative Kirchengemeinderätin. Ehemann Gerhard war zweiter Vorsitzender beim MGV Heddesheim. Aus der Heimat kamen Informationen, in Deutschland seien Lokale und Geschäfte geschlossen, und die Söhne dürften die Oma nicht besuchen. Als die Urlauber hörten, dass zu Hause Toilettenpapier gehortet wurde, lachten sie lauthals – erlebten aber auch in Auckland dasselbe Verhalten der Neuseeländer.

Zwei Tage vor der Rückreise erfuhren sie: Speiselokale werden geschlossen und viele Geschäfte ebenfalls. Auch Hotels machten dicht. Nun nahmen sie das Thema sehr ernst, kauften Reiseproviant für die Fahrt nach Auckland, zum Rückflughafen. „Im Hotel erfuhren wir: Wir können noch zwei Tage bleiben, dann schließt das Hotel“, schildert Hertha Seitz die plötzlich ganz neue Situation. Aus Heddesheim hörten sie, die Bundesregierung organisiere Rückflüge, denn die Airlines flogen da bereits nicht mehr. Der Straßenverkehr in Auckland war zum Erliegen gekommen, in der Stadt waren nur noch gestrandete Touristen und Obdachlose unterwegs.

„Wir fanden mithilfe der Reiseleiterin ein Apartment in der 29. Etage, wo wir mit zwei weiteren uns bekannten Ehepaaren unterkommen konnten“, erzählt Gerhard Seitz. Hertha Seitz sorgte für gutes Essen und Getränke – „das Nervenkostüm musste gefüttert werden“, sagt sie augenzwinkernd. Schwierig war es, Medikamente zu besorgen, die nach der ersten, ungewollten Verlängerungswoche ausgingen.

Flüge konnten keine gebuchten werden. Sie riefen Gemeinderat Rainer Hege in Heddesheim an, er bat den Bundestagsabgeordneten Karl A. Lamers, die Deutsche Botschaft in Wellington einzuschalten. Dort wurde geholfen, und schließlich gelang es, einen gemeinsamen Rückflug für die Kurpfälzer Gruppe zu organisieren. „Das Gefühl, als wir im Flugzeug saßen, ist unbeschreiblich, es war ein riesiges Glücksgefühl“, erinnern sich die beiden. Allerdings: Ihren Rückflug mussten sie selbst bezahlen – „obwohl der bereits bei der Buchung beglichen wurde“.

„Die ständigen Kontakte mit der Familie und den Freunden haben uns sehr geholfen in dieser schweren Zeit“, versichern die glücklichen Heimkehrer heute. Handy, Internet und WhatsApp hätten doch sehr zur Beruhigung beigetragen. Dankbar waren die Straßenheimer auch den Landwirten, die auf den Feldern von Gerhard Seitz Gerste säten, während er seinen Zwangsurlaub machte. „Die Zuversicht und unser Glaube waren wichtige Ratgeber“, darüber ist sich das Paar nach diesen Erfahrungen einig.