Heddesheim

Heddesheim Archäologe zieht nach Abschluss der Ausgrabungen in der Oberdorfstraße positives Fazit

Grubenhäuser lassen buchstäblich tief blicken

Nach etwas über vier Wochen endeten dieser Tage die Ausgrabungen in der Heddesheimer Oberdorfstraße 19, wo sich einst eine frühmittelalterliche Siedlung befand (wir berichteten). Klaus Wirth, Leiter der Ausgrabungen, zieht eine eindrucksvolle Bilanz: „Für die relativ geringe Größe des untersuchten Areals von etwa 400 Quadratmetern wurde eine enorm große Zahl von 170 Strukturen ausgegraben“, erklärt er. Die Spuren reichen vom kleinen Holzstangenloch bis hin zum großen Grubenhaus.

Aus der Merowingerzeit (7. Jahrhundert) datieren demnach drei große Grubenhäuser von maximal vier Metern Länge und knapp drei Metern Breite, die nach einem einheitlichen Bauschema errichtet wurden. Klaus Wirth, Experte der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, kommt ins Schwärmen, wenn er seine Eindrücke schildert. Von diesen Sechs-Pfosten-Grubenhäusern waren die Firstpfosten nach vorne gestellt, während die Eckpfosten eingerückt waren. Die Räume hatten vermutlich nur ein Geschoss, nämlich den Raum, der zum Weben gebraucht wurde. First- und Eckpfosten waren bis zu einen Meter in den Boden eingegraben. Die Sohle einzelner Pfostengruben reichte bis in den geologischen Kies.

Drei Grubenhäuser gehörten in die nachfolgende Karolingerzeit des 8. und 9. Jahrhunderts. Die First- und Eckpfosten standen an den Giebelseiten in einer Reihe und verfügten mit etwa 16 Quadratmetern über größere Grundflächen als die Häuser aus der Merowingerzeit. Ein Grubenhaus besaß, wie der Keller, nur die Firstpfosten, keine Eckpfosten. „Vielleicht hat man sich als Ersatz für die tragenden Eckpfosten eine Fachwerkkonstruktion mit hölzernem Schwellrahmen vorzustellen, von dem archäologisch nichts nachgewiesen wurde“, vermutet Wirth.

Die Böden der Grubenhäuser besaßen zum Teil unzählige Eindrücke von angespitzten Holzpfählen. Diese dienten wohl zur Abtrennung von Bereichen innerhalb des Bauwerks, könnten aber auch als Standspuren des Webstuhls gedeutet werden. Übrig blieb das rechteckige Loch in der Erde, das im Siedlungsgelände für Mensch und Tier eine Stolperfalle darstellte und deshalb rasch verfüllt wurde. Die Archäologen fanden dort Scherben zerbrochener Tongefäße, die zum Kochen und Bevorraten genutzt wurden, sowie Tierknochen. Schlacken von der Eisenherstellung und -verarbeitung, Reste zerschlagener Backöfen, Webgewichte, Spinnwirtel und Nägel aus Eisen kamen ebenfalls zutage.

Drei Besonderheiten fielen den Experten auf: In der Verfüllung eines Grubenhauses fanden sie das Teilskelett eines jungen Pferdes, nach Zahnstellung das eines Fohlens. Was mit den anderen Skelett-Teilen – etwa den Beinen geschehen war – lässt sich nicht mehr feststellen. In der Verfüllung eines anderen Grubenhauses wurde ein weitgehend vollständiges Tongefäß entdeckt.

Erdreich zum Teil grün gefärbt

Funde dieser Art haben die Archäologen auch in vielen Grubenhäusern anderer Regionen gemacht. „Wir können also hier nicht von Zufällen sprechen“, meint der Experte Wirth. Die Verfüllung eines Grubenhauses enthielt offenbar große Mengen an Fäkalien. Diese haben das Erdreich ganz grün gefärbt. Vielleicht diente die Grube nach dem Abbau des Hauses als Abort für Mensch und Tier.

Klaus Wirth fasst zusammen: „In der internationalen, archäologischen Fachwelt finden die Ausgrabungen in Heddesheim große Beachtung.“ Sein Interesse gilt jetzt der Ausgrabung in der Weidigstraße, die ihrerseits auch einiges erwarten lasse.