Heidelberg

Kunst Skulptur „The Helpless“ von Jean-Luc Cornec im Schlosspark / Vorlesenacht mit Texten von Heidelbergern am 23. Juli geplant

Anregender Buchstabensalat

Archivartikel

Heidelberg.Wie durcheinandergepurzelt liegen sie im Gras: 46 je gut einen halben Meter hohe Buchstaben. Läuft der Betrachter an ihnen vorbei, bildet sich in seinem Kopf ein Satz, den der Schriftsteller James Baldwin (1924-1987) geschrieben hat. Bis 22. Juli zeigt das Interkulturelle Zentrum (IZ) im Heidelberger Schlosspark die Skulptur „The Helpless (der Hilflose)“ des französischen Künstlers Jean-Luc Cornec. Ein Buchstabensalat, der anregen soll, über Glaubwürdigkeit, Menschenwürde und Werte nachzudenken, hofft Initiatorin Jagoda Marinic.

Das Zitat aus Baldwins Essay „No name in the street (Kein Name in der Straße)“ von 1972 lautet: „It is a rare man who does not victimize the helpless (Es ist ein außergewöhnlicher Mensch, wer die Hilflosen nicht zu Opfern macht)“. Der Autor konnte noch nichts von der aktuellen Flüchtlingssituation wissen. „Sein Thema war aber auch Ausgrenzung“, verweist Marinic auf Baldwins Fingerzeige in Richtung Rassismus sowie Intoleranz.

Gefördert vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entwickelte Marinic im Zusammenhang mit dem Projekt „#Wir sindHeidelberg“ die Idee zu der Skulptur, die den Gedanken des amerikanischen Schriftstellers aufgreifen sollte. Und fand in Cornec einen begeisterten Mitstreiter.

Bekannt durch Telefon-Schafe

Der in der Altstadt lebende Künstler, Jahrgang 1955, hat sich bei Ausstellungen im In- und Ausland einen Namen gemacht. Hohen Wiedererkennungswert haben zum Beispiel seine Telefon-Schafe, die unter dem Namen „TribuT“ in vielen Museen und Galerien daheim sind. Die Tiere haben alte Telefone mit Dreh-Wählscheiben als Köpfe und die gewickelten „Rastalocken“-Kabel bilden ihr Fell.

Für „The Helpless“ entwickelte Cornec mit einer Firma aus Neckargemünd ein neues Material. Die Buchstaben wirken wie aus Beton gegossen, sind aber tatsächlich sehr leicht – und trotzdem äußerst stabil. Den Kern für die exakt 66 Zentimeter hohen Lettern bildet Styropor. Es ist mit einem Lack überzeugen, der den Kunststoff sehr widerstandsfähig macht, ohne schwer zu sein. Mehrere Buchstaben sind zu insgesamt fünf Gruppen zusammengestellt und im Boden verankert. „Unsere Idee ist, die Buchstaben zu einer Pyramide aufzutürmen“, erklärt Marinic. Unten sollen viele Buchstaben die große Gruppe derer symbolisieren, denen es nicht so gut geht, ganz oben jene winzige Gruppe derer, die alles im Überfluss besitzen. Der Text Baldwins ist auf ein Schild geschrieben und steht daneben – englisch und deutsch.

Doch ein Statiker berechnete, dass bei Wind bis zu eine Tonne Gewicht auf den dann gut fünf Meter hohen Turm wirken würde – zu gefährlich im öffentlichen Raum. Denn die Skulptur mit einem Betonfundament im Schlossparkrasen zu verankern, wollten weder die Initiatoren, noch die Grundbesitzer, die Schlossverwaltung. „Wir suchen nun nach einem Ort, wo die Skulptur aufgestellt werden kann“, sagt Marinic.

Nun sind die Buchstaben also spielerisch auf der großen Wiese verteilt. Cornec bezieht sich damit auch auf den Ruinencharakter des Schlosses. „Wie Stolpersteine“ liegen die Baldwin-Worte auf dem Boden, verweist Marinic auf eine weitere Deutung. Warum ist „The Helpless“ ausgerechnet hier aufgebaut? Marinic gefällt die Beobachtung, dass Menschen ihre Kinder vor den Buchstaben fotografieren und das Motiv in alle Welt tragen, „wo sie erklären müssen, was genau sie da fotografiert haben“. In den sozialen Netzwerken werden ebenfalls solche Bilder öffentlich gemacht. „Manche haben das Zitat schon zum Erkennungsbild auserkoren.“ Auch als Poster sei der Satz gefragt. „Wenn solch ein Poster in einer WG aufgehängt wird, hat unsere Aktion ein Ziel erreicht“, sagt die IZ-Leiterin mit ein bisschen Stolz.

Ein Ort für viele Themen

Vor zwei Jahren hatte eine riesige Geburtstagsparty des Heidelberger Unternehmers und Mäzens Wolfgang Marguerre an exakt dieser Stelle großen Wirbel verursacht und den Schlosspark für Besucher blockiert. Der Rasen hat sich von den damals entstandenen Beschädigungen langsam erholt. Dieser Ort sei zu schade für nur eine Deutung, findet Marinic. Der öffentliche Ort könne „vielen Themen ein Zuhause geben“. Weitere Facetten soll eine Lesung einbringen: Heidelberger sind dann aufgerufen, maximal zehn Minuten lang an einem Abend eigene Texte zu lesen – bis zum Sonnenuntergang. Der Termin ist der 23. Juli (nur bei gutem Wetter).