Heidelberg

Literatur Sasa Stanisiç zieht 700 Zuhörer in der vollbesetzten Aula der neuen Universität in seinen Bann

Außer „Lothar Matthäus“ kein Deutsch

Heidelberg.Als die Rede schließlich auf seine Peter-Handke-Kritik kommt, hat Sasa Stanisiç das Publikum längst in seinen Bann gezogen. Über eineinhalb Stunden hat der Träger des Deutschen Buchpreises 2019 da schon aus seinem autobiografischen Werk „Herkunft“ gelesen, über die Kindheit in Bosnien, über die Großmutter, die aus dem Wurf der Nierenbohnen die Zukunft lesen kann, oder zumindest mehrere Varianten davon, über die Begeisterung für die Fußballmannschaft „Roter Stern Belgrad“, zu der er gerne gehört hätte, und sei es nur als Ball, über quälenden Harndrang beim hochoffiziellen Stafettenlauf. Mit Gestik, Mimik und Witz hat der 41-Jährige die 700 Zuhörer in der voll besetzten Aula der Neuen Universität zum Lachen gebracht – und zum Nachdenken, denn auch die Flucht mit den Eltern nach Heidelberg vor dem Krieg 1992 ist sein Thema. „Außer „Lothar Matthäus“ konnte ich kein Wort Deutsch“, sagt Stanisiç. „Man kam damit aber recht weit.“

Dann kommt die Leiterin des Interkulturellen Zentrums der Stadt, Jagoda Mariniç, auf die Kritik an Handke zu sprechen, dessen proserbische Haltung während der Jugoslawienkriege umstritten ist. Dass ihm der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, hatte Stanisiç bei der Buchpreisverleihung kritisiert – und damit noch mehr Aufmerksamkeit geerntet. „Würdest du es nochmal so machen?“, fragt Marinic, die Stanisiç seit dem Studium kennt und nach deren Ansicht es in der deutschen Gegenwartsliteratur kaum jemanden gibt, „der es schafft, aus so schwierigen Themen, aus so dunklen Momenten noch Funken von Licht zu schlagen“. „Ich würde es absolut genauso machen“, sagte der 41-Jährige. Er wirft Handke vor, Verbrechen der Serben im Bosnienkrieg verharmlost zu haben. Man müsse Aufmerksamkeit nutzen, um auf „auf Unwahrheiten, auf tendenziöse Literatur“ hinzuweisen. Aber er ergänzt: Er hätte ein paar Sachen vorsichtiger sagen sollen, er sei später falsch zitiert worden, „um das zu vermeiden, hätte ich einfach eine etwas sprachlich bessere Rede vorbereiten müssen“.

Dass er seine Geschichten schreiben könne, verdanke er Menschen, „die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben“, fährt Stanisiç fort – und kann kurz darauf nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Er habe Deutschland, im Gegensatz zu seinen Eltern, 1998 nicht verlassen müssen, „weil der Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde mehr als nur Dienst nach Vorschrift tat“. Der habe zugehört, als er gesagt habe, er wolle in Heidelberg studieren, so Stanisiç. „Bring mir deine Immatrikulationsbescheinigung, sagte er, dann sehen wir weiter.“ Und dann begrüßt und umarmt er den ehemaligen Behördenmitarbeiter, der auch im Saal ist.

Scheinbar locker und leichtfüßig ist es bis zum Handke-Einschub vorangegangen. Lebhaft schildert der Autor ein Spiel von „Roter Stern“, in dem damals Könner aller Ethnien vereint sind, er erinnert sich an die Ankunft in Heidelberg, wo er mangels Sprachkenntnissen gegen die Schultür drückt, auf der „Ziehen“ steht. Wie sein Schwarm Susanne nach 24 Stunden Schluss macht und er „Schloss“ versteht, wie er der dementen Großmutter eine Anekdote über den Opa entlocken will, dann aber abbricht, weil es ihm vorkommt, als richte er ein Tier ab. Am Ende klatschen die Zuhörer lange im Stehen.

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