Heidelberg

Kunst Sechste „ArTmut“-Ausstellung in der Bonifatiuskirche / Arbeiten entstehen im offenen Atelier unter St. Albert in Bergheim

Bilder berichten von Träumen

Heidelberg.„Ich habe einen Traum“: Das berühmte Martin Luther King-Zitat liefert das Motto der sechsten „ArTmut“, die noch bis 20. November in der Bonifatiuskirche in der Weststadt zu sehen ist. Sie begleitete die „Woche der Armut“ und gibt Künstlern, deren Karrieren und Leben nicht ohne Brüche verliefen, eine Ausstellungsmöglichkeit.

Mal sind es fantasy-ähnliche Collagen, mal Porträts, mal abstrakte oder naive Kunst: An den Wänden des Kirchenschiffs haben sich viele Stile zusammengefunden. Professionelle Arbeiten, keine Hobbyarbeiten. Ein Kunststudium absolvierte auch Abbas Karaki. Danach hatte er in Syrien kaum Zeit für Kalligrafie, Bildhauerei oder das Malen: Als Geschäftsführer eines Hotels und eines Reisebüros gingen die Zahlen vor. Doch die Firmen sind jetzt kaputt, Karaki musste flüchten und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. „Jetzt habe ich wieder Zeit für meine Bilder“, sagt er.

Wer ihn – und 13 andere Kunstschaffende, die zum Teil bei der „ArTmut“ ausstellen – bei der Arbeit beobachten möchte, kann an fünf Tagen in der Woche ins Untergeschoss der Kirche St. Albert in Bergheim kommen. Anna Delong hat das offene Atelier vor sechs Jahren aus einem anderen Projekt des VbI (Verein zur beruflichen Integration und Qualifizierung) gegründet. „Ich habe zwölf Jahre als selbstständige Künstlerin gearbeitet und kenne die Situation der Künstler hier sehr gut“, erzählt sie. Als die Stadt vor ein paar Jahren für die Werkstatt von Eva Vargas am Neckarkanal einen Nachnutzer suchte, hat sich Kunstpädagogin Delong darum beworben.

Idee von Pfarrer Christof Heimpel

„Ich war sehr enttäuscht, dass ich nicht ausgewählt wurde, erinnert sie sich. Wenig später habe sie Pfarrer Christof Heimpel, Pfarrer der katholischen Gemeinde Philipp Neri und Caritas-Pfarrer, gefragt, ob sie sich nicht ein Kunst-Projekt im Schutzraum unter der Kirche St. Albert vorstellen könne. „Ich kam in den großen Kellerraum mit den hohen Decken, der als Lager für Stühle verwendet wurde und dachte: wow!“. Wenn Delong heute am Schleusenwärterhäuschen im Neuenheimer Feld vorbeikommt, ist sie nicht mehr traurig, dass es damals mit der Vargas-Nachfolge nicht geklappt hat: „Das hier ist ein Traum“, sagt sie und blickt auf die 15 großen Tischgruppen im Schutzraum von St. Albert, an denen die Künstler arbeiten.

„Ich könnte mir kein Atelier leisten“, sagt Friederike Diefenbacher, die Keramiken fertigt und für ihre Bilder filigrane Linien auf abstrakte und großformatige Acrylleinwände aufbringt. „Solche Dinge könnte ich daheim nie machen“, erzählt die frühverrentete Werbeexpertin. „Hier habe ich viele Menschen um mich, die sich intensiv mit Kunst beschäftigen.“

Luisa da Costa aus dem Senegal malt tischgroße Acrylbilder, die an ihre Heimat erinnern. Abbas Karaki nennt sie „Babba – Papa“. Die Anwesenheit von Kollegen, die Gemeinschaft sei einer der besonderen Vorteile des offenen Ateliers. „Wir planen eine Ausstellung in Italien zusammen“, verrät Luisa. Einen kleinen Beitrag zu den Verbrauchskosten muss die Künstlergemeinschaft entrichten, ansonsten ist sie Gast der katholischen Gemeinde. Über ein anderes Projekt hat Delong zwei 30-Stunden-Stellen finanziert, damit im Keller rund um die Uhr jemand da ist. „Jeder managt sich hier selbst“, beschreibt sie. Jeder bringt das Material mit, das er verarbeiten möchte.

14 feste Werkplätze

Giftige Dämpfe dürfen Farben oder Kleber nicht ausströmen – einer Gesundheitsgefahr soll niemand ausgesetzt werden. „Wir haben eine lange Warteliste und große Nachfrage“, geht Delong auf die 14 fest vergebenen Arbeitsplätze ein. Beim offenen Atelier ist indes jeder willkommen: Ein großer Tisch bietet immer Platz für spontane oder regelmäßige Kunst: „Am Abend muss aber alles wieder weggeräumt sein.“

Einen Wunsch hat die gebürtige Polin, die seit über zwanzig Jahren in und um Heidelberg lebt: Ein weiteres Atelier, in dem Bildhauer klopfen, sägen, bohren und schweißen können. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das noch finden“, sagt sie lächelnd. Einigen „ArTmut“-Künstlern würde der Verkauf von Arbeiten helfen. Nicht allen: „Traumhafter Südseestrand“ hat Detlef Schuchert seine faszinierende Bleistiftzeichnung übertitelt. Darunter steht: Das 2017 entstandene Bild sei „unverkäuflich“. Nicht jeder Traum ist eben mit Geld aufzuwiegen.