Heidelberg

Gedenkfeier Jörg Watzinger erinnert auf dem Heidelberger Bergfriedhof an die Opfer des Nationalsozialismus / Spätwirkungen der NS-Diktatur

„Den rassisch Verfolgten ging es viel schlechter“

Archivartikel

Heidelberg.„Nach außen hin schien er seine Verfolgung und die Zeit im Konzentrationslager bewältigt zu haben, aber innerlich hatte er sehr lange daran zu nagen.“ So beschreibt Jörg Watzinger (64) seinen Vater Karl Otto Watzinger (1913-2006), der von der NS-Justiz als Hochverräter verurteilt wurde und zwischen Oktober 1941 und November 1944 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war.

Watzinger ist der Hauptredner bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NS-Regimes an der Gedenkstätte auf dem Heidelberger Bergfriedhof. Sein Thema heute: die Verfolgungsgeschichte des Vaters, aber auch die Auswirkungen auf die Familienangehörigen. Organisiert wird die Veranstaltung von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes – Bund des Antifaschistinnen (VNN-BdA) sowie vom DGB Heidelberg Rhein-Neckar. Ihrem Aufruf sind rund 100 Menschen gefolgt. Für die musikalische Umrahmung sorgt der Mannheimer Chor trotz alledem.

In seiner Rede beschreibt Sohn Watzinger den Vater als jemanden, der die Wunden der Verfolgung lange Zeit mit sich zu tragen hatte. So sei der Vater zeitweise seelisch und körperlich erschöpft gewesen und habe depressive Phasen durchstehen müssen. Über seine Zeit im Konzentrationslager habe er nicht viel gesprochen. Aber zwei Sätze von seinem Vater sind ihm besonders im Gedächtnis hängengeblieben: „Ich habe erfahren, was es heißt, völlig rechtlos zu sein“ und „anderen, den rassisch Verfolgten, ging es noch viel schlechter“.

Zudem habe der Vater Schuldgefühle gehabt, dass er die Zeit im Konzentrationslager überlebt hatte, andere aber nicht. Jörg Watzinger ist 16, als er erfährt, dass der Vater im Konzentrationslager war. Er spricht das Thema aber nicht an. Das tut er erst, als im Fernsehen ab 1979 die Holocaust-Serie läuft und das Thema plötzlich allgegenwärtig ist. „Da habe ich ihn gefragt“, erzählt er.

Nach dem Krieg kann der Vater sein Jura-Studium abschließen und beginnt ab 1954 als Rechtsrat in Mannheim. Später wird er zum Beigeordneten Bürgermeister der Stadt (1962-1978). Sohn Watzinger zieht es nicht in die Politik. Er wird Krankenpfleger, heute arbeitet er im EDV-Bereich.

Er lebt in Schwetzingen, fühlt sich aber Mannheim verbunden. „Ich bin dort aufgewachsen“, sagt er. Doch seine Biografie lässt ihn nicht los. Seit 2017 nimmt er an Treffen von Angehörigen anderer Verfolgter teil. Seit einem Jahr treffen sie sich alle drei Monate. „Wir sind mittlerweile 20 verschiedene Personen. Zu den Treffen kommen immer zehn“, sagt er. Beim letzten Treffen habe die Gruppe diskutiert, ob und wie sie mit ihren Themen an die Öffentlichkeit gehen solle.

Die Gedenkstätte am Heidelberger Bergfriedhof wurde 1950 eingeweiht. Nach den Worten von Thomas Wenzel, Kreisvorsitzender des DGB, sind hier 27 hingerichtete und zu Tode gequälte Frauen und Männer bestattet. Hier liegen vor allem Mitglieder der Lechleitergruppe, „Antifaschisten aus Heidelberg und Mannheim“ – aber auch aus dem Elsass und der Tschechischen Republik. Die Gedenkveranstaltungen finden seit vielen Jahren am 1. November statt.

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