Heidelberg

Klavierwoche II Enrico Camerini in Heidelberg

Der Linie entlang

Alle Wege führen bekanntlich nach Rom, doch nicht jeder Pianist aus Rom hebt die Klavierwelt aus den Angeln. Doch Enrico Camerini hat durchaus seine Qualitäten, die er aber bei der Heidelberger Klavierwoche im Deutsch-Amerikanischen Institut nicht völlig ausloten konnte. Wie nicht jeder Geiger mit – etwa – einer Stradivari zurecht kommt, so schien auch bei seinem Auftritt mit Schubert und Ravel die Symbiose zwischen Instrument und Interpret nicht vollständig geglückt. Ein Phänomen, das an selbigem Ort über die Jahre hinweg schon mehrfach zu beobachten und zu hören war.

Schubert als Knackpunkt

Wo also ist der Knackpunkt? Der hieß an diesem Abend primär Franz Schubert, denn dessen weit angelegte B-Dur-Sonate (Deutschverzeichnis 960) machte einen etwas unentschiedenen Eindruck. Sollte mehr die Poesie im Vordergrund stehen, wie im „Andante sustenuto“ oder eher ein herber Aufriss wie in den anderen Sätzen? Aus diesem Pendelschlag wollte sich kein durchgängiges Muster herauskristallisieren, zumal manche Forte-Schläge im Diskant von ihm forciert wirkten bis hin zu klirrender Kälte; auch die Legato-Bögen wollten sich nicht zu sanglicher Qualität zusammenbinden. Alles in allem also ein eher robustes Schubert-Erlebnis, wobei sein harsch-behänder Zugriff auf den Finalsatz schon eigenwertig daherkam.

Deutlich empfindsamer hingegen der Ravel-Zugang des von eher geradliniger Pianistik inspirierten Solisten. Dessen Pavane, Sonatine, zwei Sätze aus „Le tombeau de Couperin“ und das Stück „Alborada del gracioso“ aus den „Miroirs“ hatten Atem, Flair und so manche klangsinnlichen Momente. Hier fühlte sich der Klavierspieler spürbar wohler und zuhause. Auch die spieltechnischen Elemente kamen souverän bis hin zu attraktivem Aufriss. Hörer des gut besuchten Konzerts bekamen als Zugabe dann ein Schubert-Impromptu (op. 90/4), in dem sich Verve und Empfindung sehr schön die Waage hielten.