Heidelberg

Heidelberger Frühling II Sarah Maria Sun begeistert im Neuland.Lied ebenso wie ihre Mitstreiter und die Musik

Die Grenze wird aufgelöst

Es ist die radikalste und intimste Form der musikalischen Begegnung – für Interpreten wie Publikum: eine Sängerin, ein Pianist, ein Auditorium. Ein Auditorium, das den beiden nah ist, ja, fast auf den Pelz rückt. Am Ende dieses Abends, wenn die bemerkenswerten Sarah Maria Sun und Jan Philip Schulze in der Zugabe angekommen sind, wenn sie die Gänge in Georges Aperghis’ „Le rire physiologique“ durchwandern und interaktiv das Lachen in seinen Facetten zwischen Klavier, Pianistenstimme und Sopranistin hin- und herwandern lassen, dann wird schon fast die Grenze zwischen uns und ihnen, zwischen Subjekt und Objekt aufgelöst.

Kein Wunder, stimmen doch wir in ihr Lachen ein und werden zum Teil des Werkes. Tolle Momente sind das in der Heidelberger Hebelhalle. „Le rire physiologique“ (Das physiologische Lachen) wird zum Werk, das niemals fertig ist und immer anders klingt. Ein Work in Progress.

23.30 Uhr. Höchste Konzentration. Es ist „Lied Late“, ein Format der Reihe Neuland.Lied im Rahmen des Heidelberger Frühling. Zuvor erklangen Werke der europäischen Avantgarde, von Holliger über Sciarrino und Rihm bis Lachenmann, und dieser Abend ist nur so, in diesem Format denkbar.

Irgendwie niedlich

Das Kunstlied ist ja in der Krise. Aber Heidelberg arbeitet an seiner Renaissance. In Thomas Hampsons Lied Academy wird vor allem das Kunstlied des 19. Jahrhunderts kultiviert. Neuland.Lied experimentiert mit neuen Werken, Formaten, Orten. Ein großartiges Unterfangen –Uraufführungen inbegriffen: etwa Thierry Tidrows komplexer, überraschender und mit allerlei stilistischen Mitteln präparierter „Erdriese“ (nach Christian Morgenstern), der grummelt, schnauft und am Ende doch irgendwie niedlich bleibt.

Sun und Schulze sind ein exzellentes Team. Sie scheint sängerisch keine Grenzen zu kennen, hat eine fantastische Höhe und Treffsicherheit (und dann singt diese Frau nicht nur die Musik. Sie stellt sie auch gestisch und mimisch dar). Und er hat pianistisch eine beeindruckende Klangpalette und – ja – humoristische Gestaltungskraft.

Fast ist am Ende vergessen, dass schon beim Abendkonzert ein denkwürdiges Treffen von Schumann („Dichterliebe“), Thomas Mann („Tonio Kröger“, gelesen) und der russischen Komponistin Elena Langer („Landscape with three People“) begeisterte – ebenfalls mit Sarah Maria Sun, dem wunderbaren Bariton Holger Falk und einem Countertenor, in dessen Stimme man sich verlieben könnte: William Howard Shelton. Zusammen mit Sun verschmolz er die faszinierend zwischen Britten- und Rennaissance irisierende Musik.