Heidelberg

Soziales Mehrgenerationenhaus Heidelberg feiert Jubiläum mit Podiumsgespräch und Straßenfest

Eine Antwort auf die alternde Gesellschaft

Heidelberg.Eigentlich sollte es ein ruhiges Fest zum Schnapszahl-Jubiläum des elfjährigen Bestehens werden. Doch dann brach einer der Redner beim Straßenfest des Heidelberger Mehrgenerationenhauses (MGH) zumindest zeitweise mit den Konventionen. Nachdem der baden-württembergische Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) und Oberbürgermeister Eckart Würzner als politische Repräsentanten ein Loblied auf das Projekt und seine Mitstreiter angestimmt hatten, sprach der freie Demografie-Berater Loring Sittler unter dem Applaus der Gäste Klartext. „Schöne Sonntagsreden reichen nicht aus – fast sämtliche Mehrgenerationenhäuser in Deutschland sind prekär finanziert. Dabei sind diese Einrichtungen äußerst wichtig, um die vielen Gleichgültigen in unserer Gesellschaft dazu zu bringen, etwas für das Gemeinwohl zu tun“, erklärte Sittler energisch.

Diese Orientierung am Gemeinwohl ist es, die fünf hauptamtliche und rund 40 ehrenamtliche Helfer seit 2007 antreibt, das MGH in der Heinrich-Fuchs-Straße 85 im Stadtteil Rohrbach mit Leben zu erfüllen. Als eines der ersten seiner Art wurde es seinerzeit von der damaligen Bundesfamilien- und heutigen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eingeweiht. Der Begriff Mehrgenerationenhaus ist allerdings für die Heidelberger Variante etwas irreführend: Zwar ist der Austausch zwischen jüngeren und älteren Menschen Teil des Konzepts, doch richten sich die Angebote inzwischen ebenso gezielt an die Integration Behinderter, einkommensschwacher oder ausländischer Mitbürger sowie neuerdings verstärkt an Flüchtlinge, wie die Leiter des MGH, Emine Yildirim und Klaus Cremer, erklärten.

Tagestreff des Wohnviertels

Anders als es der Name vermuten lässt, bietet das MGH selbst auch keine Wohnungen an, in denen Menschen verschiedenen Alters gemeinschaftlich leben können. Es gibt zwar eine Kooperation mit einem Wohnprojekt auf dem Gelände, doch die Förderung aus öffentlicher Hand bezieht sich nur auf den Tagestreff, bei dem die Anwohner des Viertels zusammenkommen können, um in eigener Regie bürgerschaftlich aktiv zu werden oder Anschluss zu finden.

Inzwischen gibt es vom Bund jährlich 30 000 Euro an Unterstützung, die Stadt Heidelberg zahlt noch einmal 10 000 Euro dazu. Den Rest müssen die Organisatoren aus Geld- und Zeitspenden akquirieren – Helfer sind immer gerne gesehen. Die Angebote sind dabei so vielfältig wie das ganztägige Programm beim Jubiläumsfest: Tanz- und Gesangsdarbietungen, Jongliervorführungen und Henna-Handbemalungen lockten zahlreiche Besucher an.

Auf dem Podium zu Beginn des Straßenfestes ging es trotz der vielfältigen inhaltlichen Ausrichtung des MGH vor allem um das namensgebende Thema: die demografische Entwicklung Deutschlands und die Folgen für die Gesellschaft. „Sie bieten hier eine neue Art der Großfamilie an“, lobte Sozialminister Manfred Lucha die Arbeit der Organisatoren. Die sozialen Strukturen hätten sich nun einmal verändert und zusätzlich fänden in Deutschland inzwischen Menschen aus aller Welt ein Zuhause. „Jeder soll sich hier willkommen fühlen, keiner wird alleine gelassen“, verkündete der Sozialminister.

„Ziemlich schöngeredet“

Derartige „Wohlfühlbekundungen“ animierten Demografie-Berater Loring Sittler zum Widerspruch. „Die Entwicklung ist nicht so einfach, wie sie Politiker gerne sehen: Bis 2030 werden wir einen Zuwachs von 30 Prozent bei den Hochaltrigen über 85 Jahren haben. Das nur eine ,Herausforderung’ zu nennen, ist doch ziemlich schöngeredet“, so Sittler. Kleine bürgerschaftliche Gemeinschaften wie Mehrgenerationenhäuser seien eine gute und notwendige Hilfe, aber nur ein Teil des Systems.

Dem stimmte der Heidelberger Oberbürgermeister Eckart Würzner zu: Die Unterstützung für Stadtquartiere jeder Art sei wichtig. „Wir müssen diese Lebensmittelpunkte der Menschen erhalten“, sagte Würzner. Mehrgenerationenhäuser seien letztlich aber nur notwendig, wenn andere Modelle – wie die Familie – nachlassen. „Ich selbst bin als Kind mit meiner 96-jährigen Urgroßmutter aufgewachsen. Dadurch hatte sie zeitlebens Anschluss, weil sie quasi im Urtyp eines Mehrgenerationenhauses gelebt hat“, so Würzner.

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