Heidelberg

Literatur Kerstin Pflieger alias Julia Corbins legt neuen Thriller „Das Gift der Wahrheit“ vor / Wissenschaftliche Forschung eingearbeitet

Erkenntnisse der „Käferfrau“

Rhein-Neckar.Autorin Julia Corbin hat wieder zugeschlagen: Die Region um Mannheim wird bei ihr erneut von einer furchtbaren Mordserie erschüttert. Alle Opfer wurden durch Spinnengift auf grausame Weise getötet, ihre Leichen auf einer schwer zugänglichen Halbinsel beim Mannheimer Klärwerk abgelegt.

Nach „Die Bestimmung des Bösen“ spielt auch Corbins zweiter Thriller in der Metropolregion. In einem Wettlauf gegen die Zeit ermitteln dort die Mannheimer Hauptkommissarin Alexis Hall und ihre Freundin und Kollegin, Kriminalbiologin Karen Hellstern. Während Hall weiter gegen die Schatten ihrer Vergangenheit kämpft, entwickelt sich Kriminalbiologin Hellstern in „Das Gift der Wahrzeit“ zu einer für den Fall maßgeblichen und facettenreichen Figur. Die „Käferfrau“, wie Kollegen sie nennen, versucht, dem Mörder mit Hilfe von Organismen auf die Schliche zu kommen, die an den Leichen gefunden wurden. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, denn alle Spuren führen nach Kolumbien.

Hinter Julia Corbin verbirgt sich die Heidelberger Biologin Kerstin Pflieger, die wieder gekonnt einen hochspannenden Thriller mit interessanten Erkenntnissen aus ihrem Fachgebiet verbindet. So will Hell-stern den Mörder durch DNA-Proben aus dem Verdauungstrakt einer von einer Spinne gefressenen Schnake überführen. „Das ist zwar ein sehr abgefahrener Forschungsansatz, kann aber funktionieren“, erklärt Pflieger.

In der Arbeit von Kollegen findet sie immer wieder interessante Ansätze für ihre Bücher. Auch das fiktive Kill-Gen, das Alexis Hall als Tochter zweier Serienmörder trägt, beruht auf einer viel diskutierten Theorie. Pflieger gelingt es, wissenschaftliche Informationen und selbst langwierige Untersuchungen im abgelegenen Kellerlabor eines Heidelberger Institutes in ihren rasanten Plot einzufügen. Genau so detailgetreu und realistisch beschreibt die überzeugte Vegetarierin grausame Mord- und Foltermethoden. Für den Leser manchmal schwer zu ertragen, ist es für ihre Geschichten wichtig: „Düstere Sachen haben mich schon immer interessiert“, erklärt sie.

Realer Serienmörder als „Vorbild“

Pfliegers Geschichten sind zwar fiktiv, sie beruhen jedoch stets auf aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen oder bedienen sich tatsächlicher Ereignisse. So greift der Zustand der ersten Leiche ein aktuelles Thema auf: Verstorbene verwesen nicht mehr in ihren Gräbern, sondern werden ungewollt mumifiziert: Es entstehen sogenannte Wachsleichen. In der Realität ein großes Problem, für Corbin jedoch perfekt, hilft es doch, die Leiche zu identifizieren. „Ich wollte ja, dass Karen wieder etwas zu tun bekommt und habe so den Leichenzustand entsprechend konstruiert.“ Auch ihr Täter beruht auf einem realen Serienmörder, der in Südamerika mehr als 300 Frauen und Mädchen tötete. „Was mich dabei am meisten erschreckt: Er ist heute auf freiem Fuß.“

Auch wenn „Das Gift der Wahrheit“ wieder in und um Mannheim spielt: Ein Regiokrimi ist es deshalb nicht geworden – im Gegenteil. Das Buch erfüllt alle klassischen Kriterien eines Thrillers, der eben zufällig in Mannheim spielt. Typische Charakterzüge der Menschen oder Dialoge in breitem Dialekt sucht der Leser vergebens. „Ich wollte einfach über etwas schreiben, womit ich mich auskenne.“ Das erleichtert für Pflieger einerseits die Recherche, andererseits macht es die Geschichte authentischer, denn die im Buch erwähnten Orte gibt es tatsächlich. So bietet sich die Theodor-Heuss-Brücke über die A 6 sowohl durch die Nähe zum Klärwerk und zur Kopflache als auch durch ihre architektonischen Besonderheiten und ihre Geschichte perfekt an: Vor vielen Jahren wurden dort tatsächlich mehrfach Mordopfer gefunden. „So etwas könnte man sich nur schwer ausdenken“, findet Pflieger.

Das Polizeipräsidium wurde zwar aus rechtlichen und sicherheitstechnischen Gründen um zwei Blöcke verlegt. „Die tolle Lage und das besondere Flair beim Schloss konnte ich aber beibehalten.“ Mittlerweile verfügt Pflieger über ein „Leichenbuch“, eine Art Straßenatlas der Region, in das sie alle Leichenfundorte, die Wohnorte der Protagonisten und weitere für die Geschichten wichtige Punkte eingetragen hat.

Dass in den Hall und Hellstern-Fällen ausschließlich Frauen die Mordopfer sind, hat mehrere Gründe: „Das ist ja einerseits in der Realität oft tatsächlich so, anderseits ist es bisher eher zufällig und der Geschichte der Mörder geschuldet.“

Auch in Band drei wird das so sein. Der ist bereits fertig, soll 2019 erscheinen und wird die Ermittlerinnen von Mannheim aus auf die Schwäbische Alb führen. Wenn die Reihe fortgesetzt wird, wie es sich sowohl Autorin als auch Verlag wünschen – verspricht sie aber: „Dann werde ich auch Männer umbringen.“