Heidelberg

Neuenheimer Feld Tatortrekonstruktion soll neue Erkenntnisse über Attacke auf Joggerin bringen / Polizei auf Hinweise angewiesen

Ermittler stellen Angriff nach

Archivartikel

Heidelberg.Zahlreiche Fotoapparate und Filmkameras sind auf die junge Frau gerichtet, die in gemächlichem Tempo den Weg am Neckarkanal entlang joggt. Der Leinpfad im Neuenheimer Feld ist auf beiden Seiten mit dichten Hecken bewachsen. Schlammige Pfützen zeugen vom Regen der vergangenen Tage. Die Frau läuft die gleiche Strecke, die auch eine 47 Jahre alte Joggerin vor vier Wochen genommen hat, bevor sie Opfer eines brutalen Angriffs wurde. In der Nähe einer Hundeschule bleibt sie stehen, dort, wo nach Erkenntnis der Ermittler der erste Schlag mit einem faustgroßen Stein die Frau am Hinterkopf traf. Wo sie blutend zu Boden ging und um Hilfe schrie. Und wo sie den Mann als Täter wiedererkannte, der ihr kurz zuvor aufgefallen war, als er sich an einer Bank dehnte. Die 47-Jährige wurde bei dem Angriff schwer verletzt, vom Täter fehlt jede Spur.

Mehrere Szenarien durchgespielt

Mit einer sogenannten Tatortrekonstruktion stellen die Ermittler die Attacke an diesem Vormittag nach. Die junge Frau ist eine Beamtin des Polizeipräsidiums Mannheim, die in die Rolle des Opfers geschlüpft ist. „Wir versprechen uns davon neue Erkenntnisse, wie sich der Vorfall genau abgespielt haben könnte“, erklärt Polizeisprecher Christoph Kunkel. „Daneben wollen wir verhindern, dass der Fall in Vergessenheit gerät.“ Bislang seien zwar 107 Hinweise beim Präsidium eingegangen, „die heiße Spur war aber noch nicht dabei.“

Die Rekonstruktion des Tathergangs sei ein übliches Verfahren bei derart schweren Delikten. Die Ermittler würden verschiedene Szenarien durchspielen und diese mit Kameras festhalten. Im Einsatz sind an diesem Vormittag zehn Beamte der Kriminaltechnik und des Dezernats für Kapitalverbrechen. Zwei Stunden lang stellen sie die Geschehnisse des 7. März immer und immer wieder nach. „Dafür ist es wichtig, dass die Akteure ähnliche körperliche Voraussetzungen mitbringen wie die tatsächlich Beteiligten“, sagt Kunkel. Schlagbewegungen etwa veränderten sich, wenn Täter- oder Opfer-Darsteller größer oder kleiner seien als in der Realität. „Das wollen wir so detailgetreu wie möglich machen.“

Beweismittel bei Prozess

Wesentliche Grundlage für die Ermittler sind die Aussagen des Opfers. Augenzeugen für die Tat gibt es keine. Auch bei der Rekonstruktion des Vorfalls spielen sich die entscheidenden Szenen unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. „Wir dürfen aus ermittlungstaktischen Gründen kein Täterwissen preisgeben“, erklärt Christoph Kunkel. „Da die Aufnahmen der Polizei bei einem Prozess als Beweismittel gezeigt werden sollen, wäre es schlecht, wenn vorher zu viel in die Öffentlichkeit gerät.“

Bekannt ist bislang folgender Ablauf: Die 47-Jährige joggt am Mittag des 7. März den Leinpfad in nördliche Richtung. Wenige hundert Meter vor der Hundeschule fällt ihr ein Mann auf, der sich an einem Bänkchen dehnt. „Er hat den Eindruck erweckt, selbst Jogger zu sein“, so Kunkel. Im Bereich der Hundeschule trifft die Frau ein heftiger Schlag am Kopf. Verletzt geht sie zu Boden und erkennt den Mann von der Bank wieder. Mit einem Stein schlägt er mehrfach auf sie ein, während sie sich nach Kräften wehrt und um Hilfe ruft. „Die Gegenwehr hat ihn wohl zur Flucht veranlasst“, sagt Kunkel. Blutend schleppt sich die Joggerin weiter, bis sie von Passanten gefunden und ins Krankenhaus gebracht wird. Brüche hat sie keine erlitten, dafür aber schwere Platzwunden. Gesundheitlich habe sich die Frau gut erholt, berichtet der Polizeisprecher. „Die Wunden verheilen. Aber man kann sich vorstellen, was die Tat psychisch mit ihr gemacht hat.“

Weil es sich mutmaßlich um einen heimtückischen Angriff von hinten gehandelt hat, ermitteln die Behörden wegen versuchten Mordes. Besonders schwer gestalte sich die Aufklärung, da kein Motiv erkennbar sei. Der Täter habe kein Wort gesprochen, nicht einmal einen Laut von sich gegeben. „Über seine Intention kann man nur spekulieren“, so Kunkel. Eine Beziehung zwischen Opfer und Täter könne aber zumindest ausgeschlossen werden: „Die Frau hat den Angreifer nicht gekannt.“

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