Heidelberg

Schauspiel In Heidelberg wird „Der Prozess“ von Franz Kafka zum Deutungsmuster des Weltgeschehens

Erzählung von Vernichtungen

Archivartikel

Zu viel gewollt und alles verloren? Nein, ganz so schlimm kam es denn doch nicht im Marguerre-Saal des Heidelberger Theaters, als Regisseur Moritz Schönecker ein Stück Weltliteratur auf die Bühne brachte: „Der Prozess“ von Franz Kafka dient ihm als Folie, um die surreale Parabel um einen, der nicht weiß, wie ihm geschieht, in einen quasi weltumspannenden Zusammenhang einzuordnen. Das ist ambitioniert, wenn einem rätselhaften Werk eine neue Deutungshoheit übergestülpt werden soll.

Schönecker sieht den (fragmentarischen) Roman auch als Satire und er liebt Unterhaltung. Entsprechend schrill, ja überschrill kommt bei ihm das Stück daher, was wiederum im Gegensatz zu einem Anliegen steht, nämlich auf die Übel dieser Welt hinzuweisen: Demütigung der Migranten hierzulande, ein bisschen Atomblitz, denn der nächste kommt bestimmt, Kapitalismus-Kritik (nichts dagegen einzuwenden), Banker-Überheblichkeit (hat er ja recht, denn Demut gehört nicht zu deren Spezialität), Schwarzarbeit (der einzige Ausweg für einen Schwarzen im fremden Land) und so weiter und so weiter.

Kein Wunder, dass diese Sicht überfrachtet wirkt, zumal auch nach drei Stunden noch kein Ende abzusehen ist. Da kehrt sich diese Umsetzung gegen sich selbst und gegen das Publikum, wenn sich Ernst und Spott und Groteske abwechseln und überlagern. Einen Jux will er sich machen? An Bühnenmitteln wird so ziemlich alles aufgeboten, was das Haus bereithält.

Extreme sind einander nah

Von oben kommt ein falscher Rauschgoldengel und kündet die berühmten Worte: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“, wobei offenbleibt, ob es sich um ein Menetekel handeln könnte oder um einen surrealen Spaß. Eine überdimensionale Treppe, an die Himmelsleiter von Hannsjörg Voth in der marokkanischen Steinwüste erinnernd, dient als (zusätzliche) Spielfläche, fährt rauf und runter, versinkt in der Hölle, strebt zum Himmel. Die Extreme sind einander so nah in unserer Welt. Benjamin Schönecker hat die Bühne gebaut und Veronika Bleffert die plakativen Kostüme geschneidert für ein Welttheater, in dem sich ein Panoptikum von Figuren tummelt. Da darf ein Drehorgelspieler nicht fehlen, und an aufwendigen Video-Einspielungen und Assoziationen wird nicht gespart.

Gruppiert wird das überbordende Geschehen um zwei zentrale Figuren: Sophie Melbinger als Josef K. Im weißen Anzug, ein wenig an den selbstbewussten Look um Marlene Dietrich gemahnend, gibt sie den selbstbewussten höheren Bankangestellten, der alles für eine Farce hält und glaubt, sein Schicksal auch ohne Beistand meistern zu können. Lässig und ignorant, so etwa ist die Figur angelegt, deren „Prozess“ einer Selbstzerstörung unaufhaltsam fortschreitet. Ein großer, bemerkenswerter Auftritt.

Ihr Antagonist ist Sam, aus Afrika geflüchteter Migrant, der Opfer der hiesigen Umstände wird. „Duldung“ ist sein Schlüsselwort, das mit Demütigung und Freiheitsverlust einhergeht. Sams Monolog, schlicht und eindringlich vorgetragen von Sambujang Touray, gehört zu den Höhepunkten des Abends, denn er wirkt nach, ebenso wie die Dokumentareinspielung einer Abschiebung. Bewegende Momente, die innehalten lassen. Um diese beiden glänzen Nicole Averkamp, Marco Albrecht, Hendrik Richter, Katharina Uhland und Olaf Weißenberg mit individueller Zeichnung der Kafka-Personen zwischen Vermieterin und Maler, Armenanwalt und lüsterner Leni, Staatsanwalt und Wächter, sowie Shymaa Abdalla und Mohamed Yousef als Zuspieler mit Gendersternchen im Programmheft.

Es soll hier nicht behauptet werden, die Inszenierung sei gescheitert. Wenn doch, dann wenigstens auf phantasievoll-anspruchsvollem Niveau, das mehr Ratlosigkeit als Stringenz beim Premierenpublikum hinterlässt. Und nicht verschwiegen werden darf, dass diese Prozess-Akten deutliche Längen aufweisen. Maßvoller Beifall, mit ein bisschen Buh und Bravo durchsetzt.