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Coronavirus

Gewaltambulanz verzeichnet deutlich mehr Kindesmisshandlungen

Archivartikel

Heidelberg.Schläge, Tritte, Würgen - die Heidelberger Gewaltambulanz verzeichnet während der Corona-Krise deutlich mehr Kindesmisshandlungen als sonst. "Wir gehen von einer vorübergehenden Verdreifachung der Fälle aus", sagte die Leiterin Kathrin Yen der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag, ohne absolute Zahlen zu nennen. Sie fügte hinzu: "Aus rechtsmedizinischer Sicht ist eine baldige Öffnung der Kitas wünschenswert." An diesem Mittwoch beschäftigt sich die Bund-Länder-Runde mit Lockerungen für Kitas, die derzeit nur Notbetreuung anbieten.

Yen betonte, es sei sinnvoll, wenn die Kinder sich wieder in einem größeren Umfeld bewegten, in dem Erzieherinnen, Lehrkräfte, Verwandte oder Nachbarn Verletzungen wahrnehmen könnten. Dieser Vorteil müsse mit virologischen Aspekten abgewogen werden. Es gebe aber Hinweise, dass Kinder das Coronavirus nicht weitergeben, sagte die Rechtsmedizinerin. Auch die Gewalt gegen Frauen sei deutlich gestiegen.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte dringt auf die Öffnung der Kitas. Sie gehörten zum lebensnotwendigen Alarmsystem für die Kinder. Es brauche Beweise, dass Kinder als Überträger des Virus eine Gefahr für andere Menschen seien. Ansonsten sei der elementare Eingriff in die Entwicklung der Kinder und ihre psychische Gesundheit nicht mehr länger hinnehmbar, sagte Verbandspräsident Wolfgang Kölfen.

Die Heidelberger Ambulanz ist die einzige ihrer Art im Südwesten: Opfer von Gewalt können sich unmittelbar nach der Tat an die rund um die Uhr besetzte Ambulanz wenden, um ihre Verletzungen dokumentieren zu lassen. Die rasche Sicherung der Spuren - etwa Sperma - ist wichtig, weil sie 24 Stunden später kaum noch nachgewiesen werden können. Nach der Untersuchung können die Betroffenen überlegen, ob sie zur Polizei gehen und Anzeige erstatten wollen. Im Jahr 2019 kümmerten sich die Heidelberger Experten um 520 Opfer von Gewalt.

Auch bei häuslicher Gewalt vorwiegend gegen Frauen hat Yen einen Anstieg der Fälle bis hin zu einer Verdopplung registriert. Dabei könne auch die Berichterstattung über das Thema Frauen ermutigt haben, sich zu melden. Aber auch die finanzielle und psychologische Situation berge Streit-Potenzial. "Durch die Corona-Regeln leben Menschen enger zusammen und sind in vielen Fällen von Zukunftsängsten geplagt." Deshalb komme es zu Konflikten, die in manchen Fällen eskalierten.

Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation erleidet jede dritte Frau und jedes vierte Kind in Deutschland Gewalt, wie Yen erläuterte. Auffällig ist nach Yens Worten, dass auch mehr Männer die vom Land und der Uniklinik Heidelberg finanzierte Ambulanz aufsuchten.

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