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Medizin Heidelberger Wissenschaftler suchen nach Ursache für Nervenkrankheit Multiple Sklerose

Kampf gegen MS: Forscher erhalten 2,7 Millionen Euro

Archivartikel

Heidelberg.Ist ein gestörter Kalzium-Haushalt Ursache und Antrieb für die Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS)? Dieser Frage geht seit knapp drei Jahren ein Team von Wissenschaftlern und Medizinern unter Leitung von Ricarda Diem, Oberärztin an der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, und Veit Flockerzi von der Universität des Saarlandes, auf den Grund. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt nun die Arbeit der Wissenschaftler für weitere drei Jahre mit insgesamt 2,7 Millionen Euro Fördergeldern, wie das Universitätsklinikum jetzt mitteilte. „Störungen in der Kalzium-Regulation sind bisher in der MS-Erforschung wenig beachtet worden. Wir gehen davon aus, ein neues Forschungsfeld zu erschließen“, erklärte Diem in einer Mitteilung.

Bei Multipler Sklerose (MS) greift das Immunsystem körpereigenes Nervengewebe an, Nervenzellen sterben ab. In Deutschland leiden insgesamt rund 120 000 Menschen an der Krankheit. Bisher gibt es Medikamente, die die Schübe mildern, die Krankheit aber nicht heilen können.

Zusammenhang mit Kalzium?

Diems Forschungsgruppe „Kalzium-Homöostase bei Neuroinflammation und -degeneration“ hat bereits die Bedeutung von Kalziumkanälen für die Entstehung von MS untersucht. Nun wollen die Forscher aus Heidelberg, Homburg und Hamburg herausfinden, wie das Kalzium-Gleichgewicht gestört wird. So soll festgestellt werden, wie und ob sich dadurch die Interaktion von Immun- und Nervenzellen verändert und welche Auswirkungen das auf den Krankheitsverlauf hat.

Bei Multipler Sklerose gibt es zwei Hauptmechanismen. Welcher die treibende Kraft bei Entstehung und Verlauf ist, ist unklar: Entweder eine Überreaktion des Immunsystems auf körpereigenes Nervengewebe, was zum Absterben der Nervenzellen führt. Oder aktiviert umgekehrt das Absterben der Nervenzellen das Immunsystem.

Neun Projekte

Die Forscher haben herausgefunden, dass beide Mechanismen eventuell dasselbe Ausgangsproblem haben: einen Überschuss des Botenstoffs Kalzium. Durch diesen sterben Nervenzellen ab und fördern die Aggressivität der Immunzellen gegenüber körpereigenem Gewebe. „Wenn wir diesen Störungen auf den Grund gehen, finden wir möglicherweise den Ursprung“, hofft Oberärztin Diem.

In neun Projekten widmen sich die Forscher den verschiedenen Zelltypen, die bei Multipler Sklerose eine Rolle spielen und untersuchen kalziumabhängige Signalwege. Kalzium ist im Körper in alle Zellfunktionen, Signalwege und Prozesse eingebunden. Jede Zelle verfügt über ein komplexes Regulationssystem. „Die Frage ist, was dieses System bei MS entgleisen lässt? Warum bringen Störungen an einzelnen Stellen das ganze System aus dem Gleichgewicht, obwohl den Zellen viele weitere Regulationsmechanismen zur Verfügung stehen?“, bringt Diem die zentrale Forschungsfrage auf den Punkt. red/obit