Heidelberg

Geschichte Neue Ausstellung im Kurpfälzischen Museum zeigt das Schicksal der Familie von Friedrich V.

Kinder des geächteten Königs

Archivartikel

Heidelberg.Sie sind die Stars des 18. Jahrhunderts, bejubelt und bewundert – und erleben dann doch einen jähen, tiefen Fall, enden mittellos und ohne Macht im Exil: Kurfürst Friedrich V. und seine Frau Elizabeth. Viele unbekannte Aspekte ihres Lebens zeigt jetzt die neue Ausstellung „Königskinder – Das Schicksal des Winterkönigs und seiner Familie“ im Kurpfälzischen Museum.

„Ich bin sprachlos, gerührt“, bekennt Frieder Hepp, der Direktor. Der Andrang zur Ausstellungseröffnung ist so groß, dass selbst Treppen- und Stehplätze nicht reichen. Dabei, so räumt Hepp ein, sei ihm anfangs „mulmig“ zumute gewesen – denn Ausstellungen zu Friedrich V. gab es schon öfter. „Aber wir machen keine Neuauflage dessen, was es schon gegeben hat“, stellt Hepp klar. Er rückt die – immerhin 13 – Kinder des Paares in den Mittelpunkt.

Regent nur einen Winter lang

Und der Tag passt auch noch perfekt: Genau am 6. Oktober vor 400 Jahren (Hepp: „Auch ein Sonntag, das Wetter war auch schlecht“) hat der Hof auf dem Heidelberger Schloss gepackt, damit der Kurfürst mit Gefolge nach Prag ziehen kann. „Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf“, leitet der Direktor die „hochspannende Geschichte“ ein, als von Heidelberg aus das Schicksal ganz Europas bestimmt wird.

Friedrich V., erst 1613 spektakulär mit der englischen Prinzessin Elizabeth Stuart vermählt, reist 1619 nach Prag, um die böhmische Königskrone anzunehmen – trotz aller Warnungen. Denn dass ein Protestant auf diesem Thron sitzt, wollen die katholischen Habsburger nicht hinnehmen. Der Konflikt spitzt sich zu, führt zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Für Friedrich V. dauert er nicht so lange – schon 1620, bei der Schlacht am Weißen Berg, erleidet er eine Niederlage, wird als nur einen Winter regierender „Winterkönig“ verspottet und muss fliehen. Geächtet, weitgehend mittellos, aber immerhin mit einem Hofstaat von 223 Personen, bekommt er Exil in einem Palais in Den Haag.

Und genau da hat Hepp angesetzt – und die Hoogsteder Museum Foundation aus Den Haag nicht nur als Leihgeber, sondern als Kooperationspartner gewonnen. „Ein Traum wird wahr“, schwärmt dessen Direktor Willem Jan Hoogsteder. 1986 hat er über die Gemäldesammlung des berühmten Paares seine Dissertation geschrieben und sich, wie er charmant-lächelnd sagt, „in Elizabeth sofort verliebt“. Jetzt sehe er als „Glücksfall und Privileg“ an, zusammen mit den Heidelberger Kollegen erstmals eine Ausstellung gestalten zu dürfen, die neben den politschen Aspekten das Los der gesamten Familie in den Mittelpunkt stellt. Sie zeigt, so Heidelbergs Kulturbürgermeister Joachim Gerner zur Eröffnung, „das gesamteuropäische Netzwerk“ der Pfalzgrafen. „Das alles gewinnt gerade in Zeiten von Brexit und zunehmendem Nationalismus in Europa an Aktualität.“

Hepp und sein Team schlagen den Bogen von der Traumhochzeit 1613 bis 1648. Feinste Kupferstiche, filigran gestaltete Kunstwerke, spannende Exponate vom Schiffsmodell bis zu edlem Gold und Gemälden machen dazwischen anschaulich deutlich, wie die Familie gelebt hat.

Von den 13 Kindern erreichen, so Sven Externbrink von der Universität Heidelberg in seinem Festvortrag, neun das Erwachsenenalter. Ein Sohn ertrinkt im Alter von 15 Jahren. Durch die Ausstellung gelinge es, die Kinder „dem Vergessen zu entreißen“, lobt er. Dass sie nicht standesgemäß leben und heiraten können, nutzen die Eltern als Chance und lassen ihnen beste Bildung angedeihen – auch und gerade den Mädchen. „Die Prinzessinnen sind intellektuell den meisten Standesgenossinnen ihrer Zeit überlegen“, betont Externbrink. Früh verwitwet, kämpft Elizabeth Stuart wie eine Löwin für ihre Kinder und versucht, die Kurpfalz für ihren Sohn Karl Ludwig zurückzugewinnen. Das gelingt 1648, im Westfälischen Frieden. Derweil wird Prinz Ruprecht weltberühmter Abenteurer, die sprachbegabte Tochter Elisabeth korrespondiert mit dem Philosophen René Descartes und Sophie, die jüngste Tochter, heiratet den Kurfürsten von Hannover und wird so die Mutter des ersten englischen Königs aus dem Hause Hannover, von George I. Spannende Geschichten also.

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