Heidelberg

Klimawandel vor der Haustür - dramatische Entwicklung in den Parks

Archivartikel

Heidelberg/Karlsruhe.Nicht nur die Wälder haben im vergangenen Sommer unter dem Klimawandel gelitten. In allen Parks und Anlagen der Städte haben Erderwärmung und Wassermangel ihre Spuren hinterlassen. Immer größer wird der Aufwand der Kommunen und des Landes, die Anlagen attraktiv zu halten. Der Hitzesommer 2018 macht vor allem den Bäumen auch 2019 noch zu schaffen. Das ist der Tenor eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur in Städten zwischen Mannheim und Konstanz. In Karlsruhe zum Beispiel müssen deutlich mehr Bäume gefällt werden. Zum Teil sind die Besucher gezwungen, sich von ihren Vorstellungen von perfekten Gärten zu verabschieden.

In Heidelberg etwa haben die Bäume gerade einen schweren Stand. Das dortige Landschafts- und Forstamt registrierte im diesjährigen Sommer Borkenkäferfraß an der Fichte, Sonnenbrand an Buchen und eine erhebliche Zunahme an Pilzerkrankungen mehrerer Baumarten. Der Trockensommer 2018 zeige im Stadtgarten, auf den Neckarwiesen oder im Zollhofgarten erst jetzt seine Folgen. Die etwas höheren Niederschläge des laufenden Jahres sind weit davon entfernt, die Defizite des Vorjahres auszugleichen, wie die Experten erklären. Die Hitzespitzen aus dem Juli 2019 machten den Bäumen schließlich den Garaus.

Traurige Bilanz des Heidelberger Sommers: 220 von 51 000 innerstädtische Bäume sind tot und müssen gefällt werden. Im Vorjahr waren es 80 Bäume. In den Jahren davor betrug die Zahl trockenheitsbedingter Ausfälle jeweils 20 bis 30 Bäume. "Insofern kann man schon von einer dramatischen Entwicklung sprechen", ließ das Amt wissen.

Ein ähnliches Bild in Karlsruhe: Dort werden normalerweise 600 Bäume im Jahr entnommen, 2019 werden es mehr als doppelt so viele, darunter viele Straßenbäume. Die Bäume - insbesondere die empfindlichen Buchen und Kiefern - waren vorgeschädigt durch den Wassermangel 2018. "Aber die Bäume sterben ja nicht sofort", sagt der Vize-Chef des Gartenbauamtes Klaus Weindel.

Deshalb seien auch für 2020 erhöhte Zahlen nicht ausgeschlossen. Beim derzeitigen Überangebot auf dem Holzmarkt seien die Einnahmen aus dem Verkauf der Hölzer gering. Die Stadt setzt erstmals auch auf natürliche Waldverjüngung. Nur die Straßenbäume sollen eins zu eins ersetzt werden.

Die Stadt Mannheim vermeldet für dieses Jahr ebenfalls einen auffälligen Anstieg der Baumausfälle. In Konstanz werden es bis Jahresende rund 100 von 15 000 Bäumen sein, die der Klimaveränderung zum Opfer fallen - auch hier das Doppelte eines Normaljahres. Die Stadt muss Fremdfirmen engagieren wegen des teils dreifachen Aufwands für die Baumpflege. Insbesondere die Eichen am Bodenseeufer werfen nach Angaben des Konstanzer Baumfachmannes Christoph Stocker Totholz in bislang unbekanntem Ausmaß ab.

Anders in der Stadt Stuttgart mit ihren 1000 Hektar Parkflächen und 188 000 Bäumen; von denen werden pro Jahr 500 bis 700 gefällt und das auch in diesem Jahr. In Planung ist ein Millionen teures Bewässerungsmanagement. Alleine eine halbe Million Euro mehr soll die Miete für Bewässerungsfahrzeuge kosten. Auch will die Behörde mehr Personal, die Vorratsbewässerung der Bäume soll ausgeweitet und die Steuerung der Bewässerung gebündelt werden. Amtsleiter Volker Schirner fasst zusammen: "Ich möchte eine Situation haben, dass wir sagen können, wir haben alles getan, um die Bäume auf extreme Hitze wie 2018 vorzubereiten."

Auch auf den 340 Hektar Flächen des Landes in der Landeshauptstadt, am Schloss Solitude oder um die Württembergische Grabkapelle sind die Bäume besser dran als anderswo. Von den 13 000 Bäumen werden dieses Jahr - wie sonst auch - weniger als 100 abgesägt. Dass die Zahl nicht steigt, führt Micha Sonnenfroh, Fachbereichsleiter Parkpflege, auf den mit einem Drittel geringen Anteil an Straßenbäumen und das professionelle Baummanagement zurück. Der Baummanager, ein Forstwirt, kontrolliert nicht nur jeden Baum, sondern verbessert bei Bedarf dessen Standort durch Belüften und Düngen.

Es wird immer aufwendiger, Ersatz für tote Bäume heranzuziehen. "Mussten wir die Bäume früher zwei Jahre bewässern, bis sie anwachsen, sind es mittlerweile fünf Jahre", hat Sonnenfroh beobachtet. Neue Bäume sucht er danach aus, wie empfindlich sie auf das wärmere Wetter reagieren. Er bevorzugt aus Asien stammende Schnurbäume sowie Linden und Ahorn.

Auch in Heidelberg wird über hitzeverträglichere Baumarten nachgedacht. Ein Baumarten-Wechsel müsse aber behutsam und mit Augenmaß passieren. "Denn es ist zu berücksichtigen, dass Baumarten, die bisher nicht Teil des bestehenden Ökosystems sind, genau dieses System beeinflussen", geben die Experten zu bedenken.

Neben dem Wassermangel macht den Bäumen der Massaria-Erreger zu schaffen. Von dem Pilz sind zum Beispiel die Platanen im Stuttgarter Schlossgarten befallen. Folge: "Die Bäume trennen sich von Holz, um ihre Energie zu sparen", sagt Garten- und Landschaftsarchitekt Sonnenfroh. Das Phänomen ist auch in Konstanz bekannt. Andreas Hoffmann, verantwortlich für die Grünpflege der Stadt, erzählt, dass sein Team vermehrt in die Bäume steigen muss, um Totholz herauszuholen.

Der Stuttgarter Garten-Fachmann Sonnenfroh wünscht sich mehr Verständnis der Bürger, wenn die Parks in Hitzesommern nicht mehr ganz ansehnlich seien. Das betreffe vor allem Rasenflächen. "Die können gut mal drei Wochen ohne Wasser existieren." Dass der Rasen dann nicht mehr saftig grün aussehe, müsse akzeptiert werden. Auch in Konstanz hat man sich vom englischen Rasen verabschiedet. Das sei ein Luxus, den man sich unter den heutigen Bedingungen nicht mehr leisten könne, sagt Hoffmann. In Karlsruhe wird vor allem der Zoologische Garten gesprengt.