Heidelberg

Enjoy Jazz I Trio des Pianisten Nikolas Anadolis in Heidelberg

Kurz vor dem Abheben

Ganz tief beugt er zu Beginn des Konzerts seinen Kopf über die Tasten. Das sieht aus wie einst beim legendären Jazzpianisten Bill Evans. Und auch mit seinem klangsensibel zarten Anschlag der Tasten erinnert der junge Grieche Nikolas Anadolis an Evans. Bald wird indes klar: Es ist die Anschlagskultur des Pianos in der klassischen Musik. Mehr noch: Über weite Strecken seines Auftritts, je länger, desto deutlicher, bewegt sich Anadolis in Bahnen, die vor Jahrhunderten schon vorgezeichnet worden sind.

Das Wesen der Musik verinnerlicht

Da gibt es improvisierte Passagen, die bereits einem Johann Sebastian Bach beim spontanen „Fantasieren“, wie man damals wohl sagte, hätten einfallen können. Oder auch rokoko-artig Verspieltes, bis hin zu melodischen Tändeleien im höchsten Register, deren putzige Naivität jedem Spieldöschen Ehre machen würde. Das soll nicht heißen, dass der 1991 in Thessaloniki Geborene den Jazz außen vor ließe. Im Gegenteil, dessen Piano-Heroen hat er genau zugehört und lässt so manches von ihren Eigenheiten unbekümmert einfließen.

Wichtiger ist, dass Anadolis auch das Wesen des Jazz verinnerlicht hat. Er weiß, wie man mit makelloser pianistischer Technik den Flügel zum Swingen bringt. Und oft genügen ihm ein, zwei bluesige Töne, um eine klassisch angelegte Linienführung übergangslos ins jazzige Idiom zu versetzen.

Auf die Dauer allerdings stellt sich der Eindruck von Beliebigkeit, ja Orientierungslosigkeit ein. Gut, dass mit Johannes Fink am Bass und Yorgos Dimitriadis zwei Musiker dabei sind, die den ausschweifenden Tastenvirtuosen vor dem gänzlichen Abheben bewahren. swm