Heidelberg

Klavierwoche I Die zwei Nachwuchspianisten Cunmo Yin und Piotr Pawlak im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg

Liszt-Verehrer und Chopin-Versteher

Archivartikel

Er ist ziemlich lernfähig, der junge Mann aus China. Cunmo Yin war neun, als er mit dem Klavierspiel anfing – was nach heutigen Begriffen eher spät ist. Aber schon mit 14 brachte er eine CD heraus und füllte sie gleich mit den höllisch schwierigen „Études d’exécution transcendante“ von Liszt. Dass seine Technik hoch entwickelt ist, wird auch bei der Klavierwoche im Heidelberger Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) schnell klar, bei Pianisten aus Ostasien kennt man das ja auch kaum anders.

Doch von seinem Lehrer Gerrit Zitterbart an der Musikhochschule in Hannover wird er sicherlich ermuntert, vielleicht stärker als zuvor die intellektuellen Hintergründe eines Stücks heraus zu präparieren. Mit der Art, wie Yin die frühe F-Dur-Beethoven-Sonate Opus 10 gestaltet, muss das nicht in Widerspruch geraten. Sie erscheint eher geschäftig als erregt – aber das ist sie auch, und im Finale lässt der Mann aus China einen angemessen kühlen, trockenen Humor aufblitzen.

Immer ist sein Spiel sehr durchsichtig und kontrapunktisch, was in der heroischen f-Moll-Sonate (Beethovens „Appassionata“) manchmal wie die bloße Aneinanderreihung technisch anspruchsvoller Stellen wirkt. Und wie ein Musizieren streng nach Konstruktionszeichnung, äh: Partitur. Aber nichts dröhnt und schwitzt. Nicht einmal in der Presto-Steigerung zum Schluss.

Kein Wunder ist, dass Yin, der frühe Liszt-Verehrer, auch in Schuberts „Wanderer-Fantasie“ bereits viel Liszt entdeckt (und Liszt sie später zum Konzertstück umgestaltet hat). So maskulin und virtuos gibt sich der weiche Schubert selten. Aber angestrengt wirkt Yin auch hier wieder kein bisschen.

Am darauffolgenden Abend spielt der junge Pole Piotr Pawlak. Der erst 20-Jährige aus Danzig hat schon einige Chopin geweihte Wettbewerbe – die es auf der ganzen Welt gibt – siegreich absolviert. In Polen ist Chopin-Spiel immer auch Erfüllung einer patriotischen Verpflichtung. Pawlak kommt ihr gründlich nach und setzt im DAI die vier Balladen aufs Programm, die erste in g-Moll beginnt er ausgesprochen nachdenklich. Auch sonst besitzen seine Darstellungen Frühreife und Ausgeglichenheit, der junge Pianist befindet sich in vollem Einvernehmen mit der Tradition. Was die Balladen auch ausmacht, nämlich ihre Zerrissenheit, mildert er tendenziell sogar ein wenig ab. Und auch ein 50 Jahre später komponiertes Menuett von Paderewski hält bei Pawlak noch einmal den Charme der alten Zeiten fest.

Ein rauer Ravel

In die Sonate Opus 29 von Prokofjew lässt er aber durchaus frühmoderne Drastik und Motorik eindringen, Ravels „La Valse“ tanzt deutlich rauer, katastrophischer als die Orchesterfassung in den Abgrund – die plötzlich wie parfümiert erscheint. Was Pawlak spielt, besitzt Substanz, das gilt auch für die zweite Zugabe: Strawinskys wuchtige „Danse russe“ aus dem Ballett „Pétrouchka“. Und die dritte stimmt uns feierlich: Bachs „wohltemperiertes“ C-Dur-Präludium plus Fuge.