Heidelberg

Natur Die Tiere werden auch in Heidelberg zur Plage / Kot verdreckt unter anderem Neckarwiesen / Drastische Maßnahmen geplant

Nilgänse werden vogelfrei

Archivartikel

Heidelberg.„Willkommen, du kleines Gänsetier! Sei tausendmal willkommen hier!“ – dieser Reim von Wilhelm Busch klingt in den Ohren mancher Bürger wie Hohn. Am liebsten würden sie das Federvieh loswerden, das vielerorts zur Plage geworden ist: Gänse verdrecken mit ihrem Kot Liegewiesen, Schwimmbäder und Badeseen. Von den drei Gänsearten in Deutschland – Kanada-, Grau- und Nilgans – ist letztere am weitesten verbreitet. Der in allen Braun- und Beigetönen schillernde Vogel mit den dunklen Augenflecken vermehrt sich rasant und ist so aggressiv, dass Enten, Schwäne und Störche vor ihm weichen.

Nach neuerlichen Beschwerden von Bürgern geht die Stadt Heidelberg verstärkt gegen die Gänse-Plage auf den Neckarwiesen vor. Die Wiesen sind ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen. Aber auch die ungebetenen Gäste machen sich dort seit Jahren breit. Folge: Man kann kaum gehen, ohne allenthalben in Hinterlassenschaften der Vögel zu treten. Wer sein Handtuch dort ausbreitet, kann sicher sein, dass er es nicht unbefleckt wieder mit nach Hause nimmt. Wie in anderen Kommunen auch hat die Stadtverwaltung einen Instrumentenkoffer, aus dem sie verstärkt schöpfen will.

Mehr schießen, weniger füttern

So sind 20 bis 30 Jäger in der Umgebung Heidelbergs mit Nachdruck aufgefordert, die Nilgans zu bejagen. Aktuell werden im Jahr durchschnittlich 70 bis 80 Tiere geschossen. Die Strafen bei Verstößen gegen das Fütterungsverbot sollen erhöht und Kontrollen verstärkt werden. Bislang sind bei der ersten Regelverletzung 35 Euro fällig, künftig 55 Euro, bei Wiederholung 60 Euro und bald 75 Euro. Im laufenden Jahr wurden vier Verstöße gegen das Fütterungsverbot von Wildtieren registriert. Eine spezielle Rasenreinigungsmaschine gibt es auch, sie kann aber nur bei sehr trockenem Wetter zum Einsatz kommen. Heidelbergs Ordnungsbürgermeister Wolfgang Erichson weiß um die Schwierigkeit der Aufgabe: „Eine einfache Lösung gibt es nicht. Jede Maßnahme stößt schnell an Grenzen, sei es rechtlicher, sicherheitsrelevanter oder auch moralischer Natur.“

Auch in vielen Städten zerbrechen sich die Verwaltungen den Kopf, wie man die ungebetenen Gäste hinauskomplimentiert. Betroffen sind Metropolen ebenso wie kleinere Gemeinden. Das Instrumentarium reicht von Drohnen über Betoneier und spezielle Kehrmaschinen bis hin zum – umstrittenen – Abschuss. In einem sind sich wohl alle einig, die mit der Spezies zu tun haben: Ein Patentrezept gibt es nicht.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sieht die Sache ganz anders. „Aus Naturschutzsicht gibt es keinen Grund zur Empörung“, sagt Eric Neuling vom Verband. Dieser bestünde nur, wenn die Gänse etwa die Weißstorchpopulation ernstlich bedrohten. Vor dem Abschuss gebe es doch andere Mittel wie Ausgleichsflächen oder Zäune um Badeseen. Die Jagd auf Nilgänse ist in derzeit neun Bundesländern erlaubt, die Jagdzeiten liegen zwischen drei und sechs Monaten. Viel zu lang, meint der Nabu-Experte. Denn es bestehe die Gefahr, neben Nilgänsen auch nicht jagbare durchziehende nordische Wildgänse zu erwischen. Man könne davon ausgehen, „dass jährlich etwa fünfzehn- bis zwanzigtausend Nilgänse in Deutschland geschossen werden“, bedauert der Vogelschutzreferent.