Heidelberg

Porträt Wolfgang Plank bietet auf 1000 Quadratmetern am Heidelberger Bahnhof ein Recycling-Kaufhaus

Preise mit „Fingerspitzengefühl“

Heidelberg.Eine Barock-Kommode mit abplatzendem Furnier, ganze Legionen von aufgereihten Bettrösten, aber auch filigrane Glasfigürchen aus Omas Vitrine, Geschirr, Kleidung und gebrauchte Elektrogeräte: Im Recycling-Kaufhaus im Czernyring 15 gibt es fast alles – aber eben längst nicht immer und nie in neu. Seit April 2015 führt Wolfgang Plank das Recycling-Kaufhaus in den ehemaligen Paketpost-Hallen direkt neben dem Heidelberger Hauptbahnhof.

Im Moment ist es schwer erreichbar: Die Großbaustelle am Czernyring für die Bahnstadt-Straßenbahn macht Plank zu schaffen. „Unsere Kunden kommen eher zu Fuß als mit einem Auto“, sagt er über einen Großteil seiner Klientel, die in einem normalen Kaufhaus nur sehr selten einkaufen kann. Um vom erhöhten Czernyring auf das Niveau der Zuggleise zu gelangen, muss man einen größeren Umweg in Kauf nehmen – oder einen Hang hinunterklettern, wie es gerade ein junger Mann tut, das Fahrrad geschultert. „Ist mir lieber, als zweimal außenrum zu fahren“, sagt er entschuldigend.

Mit Herzblut dabei

Es ist Freitagmorgen, die ersten Kunden kommen. „Wir benötigen einen Küchentisch“, sagt eine Mitarbeiterin der Familienhilfe, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie begleitet eine junge Frau, die Plank wiedererkennt: „Ich habe ihr mal eine Küchenzeile geschenkt“, erinnert er sich. „Wir waren bei ihrer Mutter, und deren Tisch ist schon angefault“, erzählt die Betreuerin ohne Dramatik in der Stimme. „Das muss doch nicht sein“, fügt sie hinzu. „Nein, das muss nicht sein“, pflichtet Plank ihr ruhig bei. Eine Viertelstunde später haben die beiden Frauen einen schlichten Resopaltisch für zehn Euro erstanden. Die junge Frau hat fast nichts gesagt, macht aber einen aufgeregten Eindruck. Sie scheint sich sehr zu freuen, der Mutter eine Freude machen zu können. „Ich kenne meine Leute“, beschreibt der Geschäftsmann, der seinen Laden auch als Anlaufstelle versteht. Seine Ware bekommt er durch Wohnungsauflösungen, mit denen seine Firma „Soziale Dienste“ betraut wird.

Eine sehr dünne junge Frau trägt einen Drucker auf den Händen vor ihrem Körper. Sie zeigt den Kassenbon und bekommt ohne großes Aufheben ihre zehn Euro zurück. „Geräte testen wir vor dem Verkauf nicht – das würde unsere Möglichkeiten übersteigen“, erläutert Plank, der das Secondhand-Kaufhaus auch deshalb mit viel Herzblut betreibt, weil es Ressourcen schone und nachhaltig mit der Umwelt umgehe.

Ein drahtiger Mittvierziger streckt Plank einen Karton entgegen, in der zwei Brotschneidemaschinen liegen, eine davon elektrisch. „Gib’ mir 20 Euro dafür“, macht ihm der Geschäftsmann einen Preisvorschlag, der sofort akzeptiert wird. Plank tippt den Betrag in die Kasse und reicht dem Mann einen Bon. „Ein Händler“, sagt er, nachdem der Kunde gegangen ist. Manch ALG II-Bezieher bessere sein Einkommen auf, in dem er hier einkauft und mit einem Aufschlag auf dem Flohmarkt weitergibt.

Die Kalkulation macht Plank individuell, „mit viel Fingerspitzengefühl“. Und was hätte dann eine ältere Dame für diese Ware bezahlt, die kaum mit ihrer kleinen Rente über die Runden kommt? „Ich hätte ihr gesagt: Ich gebe Dir die Hand-Brotmaschine für drei Euro, die andere ist viel teurer. Denn warum sollte ich ihr ein Gerät verkaufen, das ihr künftig Stromkosten verursachen wird?“

Studenten kaufen hier für ihre Bude Schreibtisch und Bett oder eine Küchen-Grundausstattung, Familienväter suchen gezielt nach einer Abzugshaube oder Waschmaschine, Schnäppchenjäger streifen mit konzentriertem Blick durch die Hallen. „Samstags ist hier die Hölle los“, weiß Plank. Weil nicht klar ist, wie lange er die Hallen mieten kann – um das ehemalige Postareal entstehen demnächst Kongresszentrum, Hotels und teure Wohnungen – hat Plank vor vier Monaten im Gewerbegebiet Neu-Edingen auf 1500 Quadratmetern einen zweiten Standort eröffnet. „Vor allem, damit meine Mitarbeiter Sicherheit haben“, erklärt der 51-jährige ehemalige Vertriebsleiter. Elf Vollzeit-Mitarbeiter hat er eingestellt, viele Alleinerziehende, manche hatten lange vergeblich versucht, einen Job zu bekommen. Plank selbst ist froh, dass er nicht vom Recycling-Kaufhaus leben muss, sondern als Chef einer Werbeagentur noch ein kräftiges Standbein hat. Doch jeden Monat müssen Fixkosten im fünfstelligen Bereich reingeholt werden. „Drauflegen darf ich nicht.“