Heidelberg

Neujahrsempfang Ex-Bundestagsabgeordneter Wilhelm Schmidt besucht Friedrich-Ebert-Gedenkstätte

„Soziale Berufe gerecht entlohnen“

Heidelberg.Ob Kinder und Jugendliche, Frauen oder Pflegebedürftige gleichberechtigt Teil einer demokratischen Gesellschaft sein können, ist für deren Fortbestand existenziell. Neben der staatlichen Fürsorge komme daher Sozialverbänden wie der im Dezember 1919 gegründeten Arbeiterwohlfahrt (AWO) eine wichtige Rolle zu, fand Walter Mühlhausen. Der Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte freute sich daher, zum Neujahrsempfang der Stiftung mit dem Sozialdemokraten und Ex-Bundestagsabgeordneten Wilhelm Schmidt einen Gastredner zu begrüßen, der sich engagiert für den Sozialstaat einsetzt. Seit 2008 leitet der 76-Jährige die AWO, die mit rund 320 000 Mitgliedern laut eigener Aussage der drittgrößte Sozialverband in Deutschland ist. In der Pfaffengasse, wo das Geburtshaus des ersten Reichspräsidenten steht, sprach Wilhelm Schmidt über die Rolle der AWO und ihre künftigen Herausforderungen.

Zuvor blickte Walter Mühlhausen zurück auf die Stiftungsarbeit im vergangenen Jahr. Mit mehr als 70 000 Besuchern, davon 13 000 Jugendliche, verzeichnete die Gedenkstätte einen Rekord. Unter den Veranstaltungen ragte ein Empfang beim Bundespräsidenten anlässlich des 100. Jubiläums der Weimarer Verfassung heraus, sowie eine Wanderausstellung über Theodor Heuss und seine Frau Elly als erstes Bundespräsidentenpaar. Diese machte auch am Ort der ersten verfassunggebenden Nationalversammlung Station.

Rhetorisch elegant bereitete Walter Mühlhausen das Feld für seinen Gastredner, indem er auf einen handschriftlichen Zusatz im Redemanuskript Friedrich Eberts von 1919 hinwies. „Für soziale Wohlfahrt“ wollte sich der frisch gewählte Reichspräsident einsetzen, wie er bei seiner Vereidigung betonte. Diese Forderung nach einem „demokratischen Sozialismus“ und einer „Vervollkommnung des Sozialstaates“, die Ebert mit der Gründerin der AWO Marie Juchacz teilte, sei noch aktuell, schloss sich Wilhelm Schmidt an.

Um sie zu erreichen, setze die AWO auf die drei Säulen der praktischen Sozialarbeit, der demokratischen Selbsthilfe und der Interessenvertretung. „Die Politik soll uns hören“, machte er deutlich. Trotz der inhaltlichen und personellen Nähe zur SPD, für die Wilhelm Schmidt ebenfalls steht, soll die AWO unabhängig von Parteistrukturen sein. In den Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag für Pflegekräfte, die der Verband und die kirchlichen Träger erstmals gemeinsam als Vertreter der gemeinnützigen Arbeitgeber führen, könnte dies ein Vorteil sein. Auch die Anerkennung der sozialen Berufe, die in einer alternden Gesellschaft immer wichtiger würden, hänge von deren Entlohnung ab.

Toleranz hervorgehoben

Auf das begonnene Jahr blickte Wilhelm Schmidt zuversichtlich voraus und referierte die Grundwerte der AWO, die vor wenigen Wochen Eingang in ein neues Grundsatzprogramm gefunden haben. Neben Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität hob er die Toleranz hervor. Diese mache jedoch halt bei einer Menschenverachtung, wie sie in der AfD vorkomme.

Auch der Klimaschutz, der sich im nachhaltigen Betrieb der AWO-Einrichtungen zeigen sollte, sei eine Aufgabe für die Zukunft. Die Digitalisierung sah Wilhelm Schmidt als Chance, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu erleichtern. Mit der Ankündigung, in den Ortsvereinen Wiesbaden und Frankfurt der Veruntreuung von Geldern gewissenhaft nachzugehen, übte der Präsident abschließende Selbstkritik, ehe er beim anschließenden Empfang mit Zuhörern ins Gespräch kam.

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