Heidelberg

Literatur Aus Großbritannien importierte Bewegung möchte Lesestoff aus allen Epochen möglichst vielen Menschen nahebringen

Spaß am gemeinsamen Lesen

Heidelberg.Es kann ein Text von Joseph Eichendorff sein, dem Romantiker. Oder von Hilde Domin. Oder eines anderen Autoren. Hauptsache: Er wird gemeinsam gelesen. „Shared Reading“ heißt eine Idee, die aus Großbritannien kommt und vor drei Jahren nach Heidelberg kam. Ob Schule, Seniorenzentrum oder Mehrgenerationenhaus: Quer über das Stadtgebiet treffen sich regelmäßig Menschen, um Texte kennenzulernen. Am Samstag, 19. Oktober, gibt es um 14 Uhr im Heidelberger Schloss in Kooperation mit dem Karlstorbahnhof eine kostenlose „Schnupperstunde“.

Im Besucherzentrum, im Apothekenturm und im Ruprechtsbau werden drei Gruppen parallel Texte lesen und darüber sprechen. Wer dabei sein möchte, kann sich per Mail anmelden (heidelberg@shared-reading.de). Pro Lesegruppe sollen es nicht mehr als 15 Teilnehmer sein.

„Es gibt keine Vorstellungsrunde, es geht nicht darum, sein Wissen über Literatur anzubringen“, beschreibt Carsten Sommerfeldt aus Berlin, wie die unverbindlichen Treffen ablaufen: „Jeder kann sagen, was er denkt oder fühlt“. Der langjährige Verlagsleiter und jetzige Sozialunternehmer hat „Shared Reading“ in Liverpool kennengelernt. Auf der britischen Insel treffen sich schon rund zwanzig Jahre Menschen zum gemeinsamen Literatur-Lesen. „Es gibt wunderbare Begegnungen“, sagt er über die jeweils 1,5 Stunden dauernden „Sessions“.

Literaturstadt mit Tradition

Angeleitet von einem ehrenamtlichen, von der Initiative ausgebildeten „Leseleiter (Facilitator)“, die pro Termin zwei Texte aussuchen und sie sehr gut kennen, entwickelten sich Gespräche über Texte und das, was sie bei jedem Einzelnen auslösen.

„Das Schloss ist unsere ,Mona Lisa‘“, freut sich Konservatorin Uta Coburger (Staatliche Schlösser und Gärten) über die Premiere des Literaturnachmittags in dem Monument. Schon Eichendorff und Clemens Brentano hätten die Stadt und Schloss in ihren Arbeiten gewürdigt. Heidelberg habe nicht nur als Unesco-Literaturstadt einen starken Bezug zur Literatur, sondern mit der Biblioteca Palatina auch einst die größte Bibliothek nördlich der Alpen besessen. Wenn es gut ankommt, „freuen wir uns sicher über eine Fortsetzung.“

Pionierarbeit in Sachen gemeinsames Lesen leistete in der Stadt der Karlstorbahnhof. Geschäftsführerin Ingrid Wolschin erzählt, von der „Idee, Literatur zu den Menschen zu bringen, sofort begeistert“ gewesen zu sein. 2015 sei die Reihe „Allerorts Literatur“ gestartet worden. Gefördert unter anderem von der BASF werden Ehrenamtliche zu Leseleitern ausgebildet. „Das Ziel ist, dass wir mindestens einmal in der Woche an den jeweiligen Orten eine ,Session‘ anbieten können“, steckt Sommerfeldt das Ziel ab.

Lesemoderatoren ausgebildet

Susanne Jung koordiniert das Projekt „Shared Reading“ in Heidelberg und der Region seit Anfang 2018 mit dem Aufbau der Gruppen – in Kooperation mit den Institutionen und Orten, an denen „Shared Reading“ stattfindet. Außerdem ist sie selbst ausgebildete Lesemoderatorin. Heidelberg und die Region sei das größte Pilotprojekt der Lese-Bewegung in Deutschland und gerade zum „Regionalzentrum“ gekürt worden, beschreibt sie. Im Moment gebe es hier 19 Lesementoren. „Es sollen aber noch deutlich mehr werden“. Auch in Mannheim soll demnächst ein größeres „Shared Reading“-Kapitel aufgeschlagen werden. „Wir verstehen den Termin im Schloss als Aufgalopp“, sagt Sommefeldt mit einem Augenzwinkern. Erklären könne man die Faszination schwer – „man muss es ausprobieren“.

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