Heidelberg

Stückemarkt I „Verteidigung der Demokratie“ aus Wien

Theater als Lehranstalt

Archivartikel

Was bedeutet es, wenn eine Regisseurin über die Aktualität ihres Werkes selbst besorgt ist? „Wir haben gedacht, das Problem ist noch weiter weg“, sagte Christine Eder nach der Vorstellung ihres Bühnenwerkes „Verteidigung der Demokratie“ im Rahmen des Stückemarktes.

Das Ensemble des Volkstheater Wien gastierte für einen Abend in Heidelberg. Es war das letzte Mal, dass das an die Biografie des österreichischen Rechtswissenschaftlers Hans Kelsen angelehnte Schauspiel gezeigt wurde. Bei der Uraufführung im vergangenen Oktober war die politische Situation in Österreich noch weniger dramatisch. Doch nach den jüngsten politischen Ereignissen resümiert Eder: „Wir haben mit dem Stück nicht reagiert, wir haben antizipiert.“

Außergewöhnliches Werk

„Verteidigung der Demokratie“ ist ein außergewöhnliches Bühnenwerk. Eines, das Fragen aufwirft – und das definitiv nicht unterhalten will. Eder und ihr Ensemble lehren. In etwas mehr als 100 Minuten bekommen Zuschauer eine Lehrstunde in Staatsrecht, Philosophie, Politikwissenschaft. Ist das noch Theater oder schon Studium? Szenisches Spiel findet selten statt. Dennoch gelingt es vor allem Christoph Rothenbucher in der Rolle des Hans Kelsen mit seinen Ergüssen zu fesseln, ja, zu begeistern. Kelsen (1881-1973) gilt in Österreich als Architekt der 1920 in Kraft getretenen Bundesverfassung. Als Jude verfolgt, ging er schließlich in die USA. seko