Hirschberg

Neckar-Bergstraße Die Geschichte des Odenwälder Shanty Chors beginnt im Wohnzimmer von Matz Scheid / Besuch einer Probe mit fast kompletter Besetzung

30 Jahre Seemannsgarn gesponnen

„Unner-Floggebach, Olfe, Reise und Schimmeldiwoog.“ Immer wieder werden die Namen der Odenwälder Ortschaften kanonartig gesungen und zu einem dichten Sound verflochten. Matz Scheid gibt dazu mit der großen Pauke den Takt an. 18 von 22 Mitgliedern des Odenwälder Shanty Chors sind an diesem verregneten Oktobersonntag zur Probe in die Alte Schule nach Großsachsen gekommen. Das Stück „Ober-Mumbach“, das sie gerade einstudieren, stammt aus der Anfangszeit dieses gemischten Chores, der sich seit 30 Jahren in der Musikszene der Region einen besonderen Platz ersungen hat.

Das Seemannsgarn, das die um drei Jahrzehnte gereiften Seebären der ersten Stunde und ihre weiblichen Crewmitglieder sonst zusammen mit ihrem Texter Manfred Maser spinnen, weicht für eine gewisse Zeit der konkreten Erinnerung an jene Zeit, als alles begann. Die Spurensuche im großen Stuhlkreis während der Probenpause interessiert und amüsiert auch jene, die erst später dazukamen. Sascha Merseburger vor viereinhalb Jahren, Ramon Khanna und Tobias Escher vor gut zwei Jahren – die „Küken“ der Crew.

Aus vier werden acht

Gabi Walther erinnert sich noch ganz genau: „Der Jockel hatte uns beackert. Wir sollten doch mal zu einer Probe der Shantyleute gehen.“ Jochen „Jockel“ Stötzer, der damalige Betreiber der „Villa“ in der Birkenauer Talstraße, hatte das illustre Trio Matz Scheid, Thilo und Arno Spilger in seiner Kellerkneipe beobachtet und wusste, wann sie sich zusammen mit Andrea Spilger zum „konspirativen Shanty-Singen“ im Wohnzimmer von Matz trafen. Sabine Hillenbrand, Ada Götz, Birgit Hill und Gabi Walther fassten sich am Abend des 13. Oktober 1989 ein Herz und „enterten“ das Shanty-Schiff noch, ehe es so richtig in See gestochen war. „Es war noch nicht einmal ein Namensschild an Matz’ Klingel“, erinnert sich Gabi, die bis dato im Kirchenchor sang.

„Aber die Mädels waren auch ganz schön cool“, erinnert sich Thilo Spilger, „sie setzten sich einfach hin, verschränkten die Arme und sagten: Zeigt emol, was ihr könnt!“ Arno und Thilo hatten Fahrten als Schiffsschreiner auf der „Sea Cloud“, einem Segelschiff, hinter sich und ein kleines Repertoire an Shantys mitgebracht – Appetithappen für auftrittshungrige Sängerinnen und Sänger. Es wurde ein Abend mit Verdoppelungseffekt. Statt vier trafen sich von nun an acht Leute freitags bei Matz Scheid, doch es sollten rasch mehr werden. Schon ein Jahr später war die Mannschaft auf rund 20 Frauen und Männer angewachsen.

Nach ersten musikalischen Gehversuchen bei privaten Feiern kam es am 30. April noch unter dem Namen „Strandgut“ zum ersten offiziellen Auftritt. „Wir hatten noch kein eigenes abendfüllendes Programm und traten zusammen mit Clown und Zauberer Bellowski auf. Natürlich in der Villa“, sagt Manfred Maser. Dort findet auch am Nikolaustag 1990 das erste eigene Programm des Chores statt, der sich ab 1992 Odenwälder Shanty Chor nennt.

Ada Götz schaut mal kurz auf ihrem Smartphone nach und berichtet, dass eine Eintrittskarte für die ersten Konzerte acht Mark kostete. Es blieb nicht bei den Shantys aus dem Repertoire der mit Ankerwinden und Segeltuch vertrauten Thilo und Arno Spilger. Und die „Ära der Einstimmigkeit“, wie der musikalische Leiter des Chores, Matz Scheid, die Anfangsjahre umschreibt, dauerte nicht lange. Bald erprobte man sich im mehrstimmigen Gesang. Die Zuhörer der zahlreichen CDs und der stimmungsvollen Konzerte bereisten mit dem Chor in drei Jahrzehnten entlegene Inseln, ferne Kontinente und in einem Programm sogar die Galaxie.

Trotz allem Erfolg bodenständig zu bleiben, ist wohl eines der Erfolgsrezepte der Crew. Nach und nach hat sich bei diesem Nostalgietrip das Kästchen mit den Süßigkeiten in der Mitte des großen Stuhlkreises geleert. Es ist Zeit für den nächsten Probenteil. Matz Scheid schultert die Gitarre, Christian Wirth schnappt sich den großen Kontrabass und los geht’s – mehrstimmig und mit maritimem Gesang gegen den Regen, der draußen vorm Fenster fällt.

Info: Weitere Infos im Internet unter: www.shantychor.de