Hirschberg

Hirschberg Open-Air-Veranstaltung in der alten Mühle im Großsachsener Tal ist an beiden Tagen restlos ausverkauft

Auch roter Traktor darf ins Kino

Das Bachwasser ist kalt und klar – barfuß darin zu waten ist die reinste Wohltat nach einem langen, heißen Tag. „Das erfrischt bis in die Haarspitzen“, sagt eine Frau, die es sich am Rand bequem gemacht hat. Eine Gruppe Menschen hat sich tiefenentspannt um den Zufluss zur Mühle im Großsachsener Tal niedergelassen und ihn zu ihrer privaten Wellness-Oase ernannt. Doch eigentlich geht es an diesem Abend nicht um eine Badekur, sondern um Kino; erschwerend kommt hinzu, dass man in dieser Ecke des Hofs beim besten Willen kein Stück der Leinwand zu sehen bekommt. Also wird die Körpertemperatur erst mal auf ein angenehmes Maß heruntergekühlt, dann holt man sich einen „Aperol Spritz“, einen Flammkuchen mit Lachs und Schrimps und sucht sich dann in aller Ruhe einen Sitzplatz.

199 gibt es davon, und alle sind ausverkauft – gleich an zwei Tagen, wie Renate Keppler-Götz vom Förderverein Olympia-Kino sagt. Der veranstaltet zum mittlerweile siebten Mal das „Open-Air-Kino“ in Zusammenarbeit mit der Hausdame Pia Hesse und dem Hausherrn Klaus Gärtner. Das Paar sorgt für die Bewirtung, hat den Hofladen geöffnet und ein ganzes Team Servicekräfte engagiert, das nun Gläser füllt, Flammkuchen in den Ofen schiebt oder – der härteste Job an diesem Abend – Wildschweinbratwürste auf dem Holzkohlegrill brutzelt. Vor der Kasse hat sich eine Schlange gebildet – Besucher, die nicht reserviert haben, müssen warten. Wenn sie Glück haben, werden vorbestellte Karten nicht abgeholt, und sie können sie kaufen.

Bilder werden deutlicher

Drinnen werden alle mit einem Glas Sekt und der sommerlichen Atmosphäre im Hof empfangen. Haushohe, weiße Hortensien stehen da, die dicht belaubten Bäume im Tal bewegen sich in einer leichten Brise, und auf der Leinwand sieht man einen Zusammenschnitt von Filmszenen. Anfangs ist er noch sehr blass, doch allmählich senkt sich die Dämmerung über den Hof, und die Bilder werden deutlicher. Blumen sieht man da, die Kamera zoomt an Blütenkelche heran, und die Vorfreude wächst. Allmählich wird es dunkler, die Kinofans kommen vom Getränkestand und aus der „Wellness-Ecke“, und ein paar Mitglieder des Kinovereins bringen große Kisten mit Popcorntüten.

„Heute haben wir keinen Tee und keine warmen Decken“, sagt Hesse grinsend angesichts der noch immer kuscheligen Temperaturen. Sie dankt den Helfern, den Filmvorführern von der Firma Epicto, dem Hirschberger Bauhof, der die vielen grünen Stühle gebracht hat, und Keppler-Götz begrüßt ein neues Vereinsmitglied, das sich an der Kasse spontan zum Beitritt entschlossen hat.

Nun ist es dunkel genug, und Regisseur Simon Aboud nimmt die Zuschauer mit in seine poetische Geschichte um eine verschrobene junge Frau, die vor vielen Dingen Angst hat. Am meisten vor der Natur rund um ihr Haus, die sie so lange verwildern lässt, bis der Vermieter ihr mit Rauswurf droht. Mithilfe ihrer neuen Freunde befreit sie den Garten nach und nach von Unkraut und Gestrüpp, im selben Maß, wie sie die schönen Seiten des Lebens entdeckt – immer wieder hört man behagliche Seufzer, und tatsächlich eignet sich kaum ein Ort besser für den Film als dieser alte Hof im grünen Wald.

Besonderer Gast

Wer genau hinschaut, sieht an diesem Abend noch ein ganz besonderes Detail: Halb verdeckt von der Leinwand steht nämlich ein alter, rot lackierter Traktor auf dem Hof – keine Deko, sondern eher eine Panne. „Er hat sich gestern nämlich einfach geweigert, weiterzufahren“, erklärt Hesse. Also durfte der Bulldog bleiben und sich den Film sozusagen aus dem Hintergrund ansehen: eine Besonderheit, die man sicher in keinem anderen Kino erlebt. stk