Hirschberg

Hirschberg Die Großsachsenerin Heike Pirngruber ist mit dem Rad in Afrika unterwegs / Bittere Armut, Regenzeit und Sprachbarrieren

Dauerregen und Freundlichkeit

Es dauert inzwischen etwas länger, bis Heike Pirngruber über ihren Blog www.pushbikegirl.com wieder etwas von sich hören lässt. In einem Land, in dem der Strom in den Dörfern meist von einem einsamen, stinkenden Dieselgenerator erzeugt wird, wird die Kommunikation via Facebook, Twitter, Instagram und allein das Schreiben ins Notebook zur großen Herausforderung.

Und das ist nicht die einzige Hürde, die die Rad-Weltreisende aus Großsachsen zu meistern hat. Seit inzwischen einem Jahr ist die 47-jährige Fotografin und Kamerafrau mit ihrem Rad in Afrika unterwegs, ihr aktueller Tagebucheintrag kommt aus Guinea. „Die Menschen sind freundlich und wenig aufdringlich. Es gibt fast keine Bettelei. Aber der Regen macht einen wahnsinnig.“

Kinder in Panik

Nichts trocknet mehr, Kleider, Zelt, Isomatte – alles stinkt. Pirngruber wundert sich über die von Entwicklungshelfern errichteten Schulen, in denen sie über Nacht ihr Zelt aufstellt. Dort wurden Spanplatten an den Decken verbaut und auch die weichen in der Regenzeit durch und verschimmeln.

Guinea ist bitterarm. Immer wieder lässt die Soloreisende den allgegenwärtigen Reis und Soße auf ihrem Teller zurück, damit ein Kind sich an den Resten laben kann. „Das ist vielleicht ein guter Mittelweg. So müssen sie nicht betteln und mir tut es nicht weh.“ Und wenn im Klassenzimmer nebenan die Bauarbeiter aus Sierra Leone auf den blanken Schulbänken übernachten, weiß Pirngruber wieder, wie privilegiert sie ist.

„Man hat den Eindruck, am Ende der Welt zu sein, denn es gibt hier nahezu nichts, außer viele freundliche Leute.“ Allerdings auch welche, die noch nie eine Weiße gesehen haben. Pirngruber erlebte etliche Situationen, in denen Kinder in Panik schreiend vor ihr davonliefen. „Da hilft nur schnell weiterradeln.“ Sofern es die wegen des Dauerregens vermatschten Wege zulassen.

Auf der anderen Seite schüttelten Frauen vor ihr mit ihren Busen, um herauszufinden, ob die Großsachsenerin Mann oder Frau sei. Die Kommunikation erfolgt eben mit Händen und Füßen. Aber Gespräche gibt es mangels Französischkenntnissen nicht. Seit Monaten sind Gespräche wegen der Sprachbarriere und dem geringen Bildungsstand sehr schwierig.“

Und auch wenn die Frau mit dem Drang, alles kennenlernen zu wollen, die lockere Lebensweise der Afrikaner mag – den überall vorherrschenden Müll und Dreck mag sie gar nicht. Was Heike Pirngruber außer der Armut noch erlebt: tote Natur. „Wie schon in Guinea-Bissau ist von der Pracht des Regenwalds nichts mehr übrig. Alles ausgebeutet und zerstört. Es gibt fast keine Vögel und wilde Tiere sowieso nicht.“

Mission noch nicht erfüllt

Das hatte sie zuvor auch in Guinea-Bissau erlebt, wo Cashewnuss-Plantagen die eintönige Landschaft prägen. Die Einladungen in Häuser wurden seltener, was Pirngruber mit dem Umstand in Verbindung brachte, dass das Land weniger muslimisch geprägt war. Die Frustration christlicher Missionare erlebte sie in Person eines italienischen Pastors in einem kleinen Dorf. Oder auch schon im südwestlichen Teil Senegals, der Casamance, wo sie das ehemalige Haus eines amerikanischen Freundes besuchte, der dort als Missionar gearbeitet hatte. Das hochwertig gebaute Haus verfiel, war als Wohnraum offenbar ebenso wenig erwünscht wie die Arbeit des Missionars vor 40 Jahren.

Auch bei Heike Pirngruber bahnte sich in Guinea eine Krise an. „Kein gesundes Essen, keine Unterhaltungen, kein Komfort, nichts. Ich merkte, wie ich begann, meine Zeit in Westafrika infrage zu stellen.“ Nach einer letzten Nacht in einem Zimmer voller fliegender Riesenameisen machte sie sich auf nach Sierra Leone, Liberia und zur Elfenbeinküste. Ihre persönliche Mission des Lernenwollens ist noch nicht erfüllt.