Hirschberg

Neckar-Bergstraße Volker Schneider, einer der großen Dirigenten der Region, über Chöre und über sich in Corona-Zeiten

„Ich fange nicht mehr neu an“

Archivartikel

Volker Schneider ist einer der großen Dirigenten der Region. Bekannt wie Gerhard Wind, Alfons Burkhardt, Franz-Josef Siegel oder der Ladenburger Dietrich Edinger. Vor Corona leitet er 18 Chöre in der gesamten Region zwischen der Bergstraße und Mannheim-Neckarau. Seine aus 51 Jahren Erfahrung als Dirigent gespeiste Prognose für die Zeit nach Corona ist eindeutig: „Es wird ein großes Chorsterben einsetzen.“ Und auch für sich – diese Sensation für den regionalen Chorgesang fügt er fast beiläufig an – hat die jetzige Zwangspause Konsequenzen: „Ich werde nicht mehr neu anfangen.“

Wir sitzen, in Corona-gemäßem Abstand, in Schneiders Wohnzimmer in Leutershausen. Der Blick fällt auf das Graf von Wiser‘sche Schloss direkt nebenan, denn Schneider bewohnt seit 13 Jahren das Gebäude des ehemaligen gräflichen Rentamtes – Historie, wohin man blickt. Und auch er selbst ist längst personifizierte Musikgeschichte der Region.

Schneider ist seit 51 Jahren Chorleiter. Viele seiner Chöre hat er zwei, ja drei Jahrzehnte lang. „Kein Abend an einem Werktag ohne eine Chorprobe“, erzählt der 73-Jährige. An manchen sind es gar drei hintereinander. Seine letzte Singstunde hat er Mitte März. Seitdem herrscht Stille in allen Probenräumen.

„Wenn man davon ausgeht, dass erst nächstes Jahr wieder regulär geprobt werden kann“, sagt Schneider, „dann haben die Chöre mehr als ein Jahr lang nicht geübt. Das werden viele nicht überleben.“ Viele der älteren Aktiven, und sie stellen ja die überwiegende Mehrheit, würden nicht wiederkommen. Zum einen, weil sie nach wie vor Sorge hätten vor Ansteckung. Andere wollten seit langem aufhören, trauten sich aber nicht, weil sie sich eine Zeit ohne gesellige Chorprobe nicht vorstellen konnten: „Die jetzige Zwangspause zeigt ihnen, dass es geht.“ Und die, die zurückkommen? „Nach der langen probenlosen Zeit wird es dauern, sie wieder auf das auftrittsfähige Niveau vor Corona zu bringen.“

Tiefgreifende Veränderungen

Das wiederum wird tiefgreifende Veränderungen für den Chorgesang mit sich bringen, sagt Schneider voraus: „Die Situation mit einem oder mehreren Gesangvereinen in jedem noch so kleinen Ort, die ja kennzeichnend war für Deutschland, die wird der Vergangenheit angehören“, ist er überzeugt: „Die Entfernungen für die, die singen wollen, werden größer.“ Das sei in anderen Ländern schon lange so: „In Schweden oder Ungarn müssen die Sänger 50 Kilometer zu ihrer Probe fahren. Und das machen sie. Das wird verstärkt auch bei uns kommen“, glaubt Schneider.

Denn natürlich werde es weiter Menschen geben, die im Chor singen wollen. Und das sei für das Genre auch eine Chance: „Die Professionalität wird größer.“ Doch die soziale Funktion, gerade für ältere Menschen, gehe verloren. Und das tut Schneider, dem das stets ein besonderes Anliegen war, vor allem weh.

Digitales Proben keine Alternative

Das aktuelle digitale Proben ist für ihn keine Alternative. „Das ist nicht meine Welt. Ich habe auch nur ein Notfall-Handy“, lacht er. Individuelles Proben und Zusammenschalten per Video – „das widerspricht vollständig dem, was ich in 50 Jahren Engagement für den Laienchor-Gesang vertreten habe.“ Für ihn ist der persönliche Kontakt zu den Singenden entscheidend. Um mit ihnen zu kommunizieren, sie im Auge zu haben, spielt er in Proben am Klavier auch nie nach Noten. Schon in seiner Zeit als Lehrer: „Bei mir wurden keine Papierschwalben gebaut.“

So nimmt er die aktuelle Zwangspause zum Anlass für eine Neuorientierung: 51 Jahre, kein Abend frei, an Wochenenden Auftritte und Konzerte – sicher unvergesslich schöne Stunden, gerade die großen Konzertreisen nach Rom oder Moskau, dazu das renommierte „Glasnost“-Projekt in den 1990er Jahren. Aber eben anstrengend in der Unerbittlichkeit der regelmäßigen Proben: „Er hat nicht einmal wegen Krankheit gefehlt“, ergänzt seine Frau.

Bereits im Herbst 2019 kündigt er daher seinen Chören an, mit dem Ruhestand seiner Frau 2022 aufzuhören. „Von da an hatte ich Sorge, ob das auch klappt“, bekennt er. Dass er sich nicht überreden lässt nach dem Motto: Nur noch das anstehende Konzert abwarten; nur noch warten, bis der jetzige Vorsitzende aufhört; nur noch warten, bis ein neuer Dirigent gefunden ist. „Die jetzige Krise macht das für mich einfacher.“

Von Müßiggang ist bei Schneider dennoch keine Spur. Ein großes Musikprojekt will er umsetzen, sobald dies wieder möglich ist. Und sich Zeit nehmen für das, was er schon lange vor hat: Sein Leben zu Papier bringen – sein Leben als Lehrer, Schulleiter und Dirigent. Ein Leben im 45-Minuten-Takt. Als Datum des Erscheinens schwebt ihm vor: sein 75. Geburtstag im Dezember 2021. Man darf sich auf das Werk freuen.