Hirschberg

Hirschberg Veronika Drop referiert über „Vergessene Künstler der NS-Zeit“ / Lyrik und Musik im Bürgersaal des Rathauses / Weiteres Programm

„Im Geheimen entstanden große Werke“

Sie erhielten Mal- und Ausstellungsverbot, verloren Reputation und Anstellungen, wurden ins Exil oder gar in den Freitod getrieben, gefoltert und schikaniert: Die Nationalsozialisten gingen brutal gegen die regimekritischen Künstler ihrer Zeit vor. Denkt man an die als „entartet“ verunglimpfte Kunst im Hitler-Deutschland, fallen Namen wie Otto Dix, Käthe Kollwitz und Lovis Corinth. Während die Schicksale dieser namhaften Künstler bekannt sind, weiß man kaum etwas über die jungen Kunstschaffenden, geboren um 1900, die zur Zeit der Machtübernahme noch nicht etabliert waren. Diesen „Vergessenen Künstlern der NS-Zeit“ widmete Veronika Drop einen Vortrag im Rahmen der Ausstellung zum Holocaust-Gedenktag „erinnern, vergessen, bewahren“ des Arbeitskreises Ehemalige Synagoge Leutershausen in der Rathaus-Galerie.

Sie begab sich vor einem interessierten Publikum im Bürgersaal des Rathauses auf Spurensuche einer ganzen Generation traumatisierter Talente, die in ihrem künstlerischen Schaffen beschnitten wurde. Künstler, die sich anpassten oder ins Abseits gerieten, wenn sie Bilder schufen, die als „Ausgeburt des Wahnsinns“ verunglimpft wurden. Manche malten in dieser Zeit Banalitäten, mache verschlüsselten ihre Werke mit geheimen Botschaften, andere versteckten ihre Malerei. Veronika Drop: „Im Geheimen entstanden große Werke.“

Erschütternde Anklage

Mit sensiblen Texten und eindringlicher Lyrik aus eigener Feder gelang es Veronika Drop, das tiefe Leid in den gezeigten Bildern in berührende Worte zu fassen. Musikalische und schauspielerische Unterstützung erhielt sie von Sängerin Bernadette Pack, die ihre erschütternde Anklage an das NS-Regime so intensiv vortrug, dass den Gästen ein Schauer über den Rücken lief. Mit seinem Akkordeon schaffte Alexander Peschko zum Teil bedrückende atmosphärische Stimmungen.

Als marionettenhafter Führer, der am liebste durch Blut watet, interpretierte er ein Gedicht des verfolgten Künstlers Emil Betzler. Dieser war nur einer der „vergessenen Künstler“, der die volle Härte der Nazis zu spüren bekam. Er wurde wegen „bolschewistischer Zersetzung“ angeklagt und seine Kunst als „artfremd“ gebrandmarkt. Erst nach dem Ende des Krieges wurde er vollständig rehabilitiert. Der Maler Friedrich Einhoff geriet 1934 in die Schusslinie der Nationalsozialisten, trat der NSDAP bei, um einer Verfolgung zu entgehen, malte aber im Verborgenen weiter.

Magnus Zeller, ein Schüler von Lovis Corinth, versuchte sich, durch den Umzug aufs Land der Konfrontation zu entziehen. Das Regime verwehrte ihm den Kauf von Malmaterial. Dennoch: „In aller Heimlichkeit entstanden bissige Karikaturen, die die Hinrichtung nach sich gezogen hätten“, berichtete Veronika Drop. Ein furzender Goebbels oder Bilder von Schlachtfeldern mit Hakenkreuz-Flaggen (beispielsweise. „Der totale Staat“ von 1938) zeugen von seinem künstlerischen Widerstand im Verborgenen.

Reinhard Schmidhagen befasste sich wie Picasso mit der Zerstörung der spanischen Stadt Guernica durch den Luftangriff der deutschen Legion. Seine Holzschnitte spiegeln den Schrecken in den Gesichtern der Menschen wider. Erschütternd sind auch die Bilder von Karl Schwesig. Der Oppositionelle wurde verhaftet, gefoltert und musste ins Exil nach Frankreich, wo er die tagelange Folter im 48 Zeichnungen umfassenden Zyklus „Schlegelkeller“ aufarbeitete.

Nach 1945 herrschte in Deutschland „kultureller Kahlschlag“, wie es Veronika Drop nannte. Angesichts eines Volkes im Überlebenskampf, hatte die Bevölkerung zunächst andere Sorgen, als sich um die Kunst zu kümmern. Erst allmählich bildete sich eine neue junge Kunstszene, die sich der Abstraktion widmete und im Laufe der Nachkriegsjahre viele Mahnmale schuf. Eine Diaschau dieser Denkmale zur Aufarbeitung der NS-Zeit bildete den Abschluss des intensiven Vortragsabends. i.k.