Hirschberg

Hirschberg Jo Bauer ist Vorführer im „Olympia“ in Leutershausen und hat die Zeit mitgestaltet, als der anspruchsvolle Film das Laufen lernte

Mit Kino aus dem Dorf herauskommen

Archivartikel

Er schaut nie auf die Leinwand und ist doch (fast) jeden Abend im Kino: Johannes Bauer, seit 2009 Filmvorführer im Leutershausener Olympia-Kino, hat ein Leben mit Filmen verbracht. Die Streifen, die er beruflich zeigt, sieht er hingegen nie – zumindest nicht während der Vorführung. Nur am Ende der Vorstellung wagt er aus der Klappe des Vorführraums heraus einen Blick auf das Filmende: „Ich muss ja wissen, ob die Zuschauer traurig oder fröhlich aus dem Kino kommen“, sagt er. „Jo“, wie er von vielen liebevoll genannt wird, feiert in dieser Woche seinen 65. Geburtstag und will in knapp einem Jahr in Rente gehen.

Zeitzeuge und Handelnder

Bauer hat die Hochs und Tiefs der frühen Jahre mitgemacht, ist gewissermaßen Zeitzeuge und Handelnder in jener Zeit, als das anspruchsvolle Kino laufen lernte. Weil ihm das Programm des Mainstream-Kinos nicht reichte, organisierte er über das Filmforum der Volkshochschule Filmabende. Die technischen Bedingungen dafür waren nicht die besten, wie er 40 Jahre später einräumt, aber es ging in einer Zeit, als der deutsche Autorenfilm das Licht der Welt erblickte, um die Sache.

Die 80er-Jahre waren auch die Zeit der alternativen Szene. In Heidelberg gab es auch sogenannte Alternativkneipen: den „Löwenkeller“ in der Rohrbacher Straße, später die „Jägerlust“ in der Gaisbergstraße. Dort fand Bauer zusammen mit anderen Mitstreitern eine Nische für Kneipenkino. An drei Samstagen im Monat wurden fünf, sechs Jahre lang von 21 bis 23 Uhr Filme gezeigt und dann bei Rotwein bis in die Nacht diskutiert, wie er sich erinnert. Unter anderem war der Frauenfilm damals ein großes Thema, erinnert er sich, aber auch Filme von Luis Buñuel oder Carlos Saura, Dokumentationen sowie Experimental- und Avantgardefilme. Gezeigt wurden vornehmlich 16-mm-Filme, die eine akzeptable Qualität hatten und wesentlich günstiger als die in den Kinos üblichen 35-mm-Filme produziert werden konnten. Deshalb wurden sie von jungen Filmemachern bevorzugt.

„Kino war ein Abenteuer für uns“, beschreibt Bauer das damalige Lebensgefühl und fügt hinzu: „Kino ist Teil meiner Selbstbildung.“ Er schätzt an Filmen, wenn sie ihm neue Welten eröffnen, Emotionalitäten zeigen, Konflikte, die er nicht kennt, und Länder, die er nicht bereist hat. „Mit Kino komme ich aus meinem Dorf heraus“, formuliert er. Und manchmal weckt ein Film auch Erinnerungen, wie der Musikfilm „Die Commitments“, der 1978 herauskam und die Geschichte arbeitsloser irischer Jugendlicher erzählt, die eine Soulband gründen. Bauer verbindet diesen Film mit einem Aufenthalt in Irland, wo er Ende der 70er-Jahre zwei Jahre lebte.

Anfänge im Journalismus

1985 war Bauer bei der Gründung von „Cinambul“, (Cine ambulante) dabei, das sich für ein kommunales Kino in Heidelberg einsetzte. Zehn Jahre später war das Ziel mit dem kommunalen Kino im Karlstorbahnhof erreicht. Das war und ist alles Ehrenamt. „Damit haben wir nichts verdient, sondern manchmal sogar draufgelegt“, sagt Bauer. Nur vom Idealismus kann aber niemand leben. Beruflich ging es bei Jo Bauer holpriger zu: Nach dem Studium stand er auf der Straße und fand keinen Job. Über einige Umwege im Bereich des Journalismus landete er schließlich Anfang der 90er-Jahre auch beruflich in der Kinobranche.

1992 kam er zu Kinomobil, einer Einrichtung des Landes Baden-Württemberg, um Gemeinden, die über kein Kino verfügen, mit laufenden Bildern zu versorgen. Bei Kinomobil können – übrigens bis heute – Vorführungen mit Filmen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bestellt werden. Gestellt werden muss nur ein Veranstaltungsraum, das Equipment plus Film kommt im Transporter. Bauer hat 18 Jahre lang im Kinobus gesessen und Dörfer ohne Kino angefahren.

Als die Einrichtung, die vom Land bezuschusst wird, verschlankt werden sollte und Bauer seinen Arbeitsplatz gefährdet sah, stolperte er über eine Kleinanzeige des Olympia-Kinos in Leutershausen, das einen Vorführer suchte. Er bewarb sich und wurde genommen. Das war 2009. Dort führt er seither zusammen mit einem Kollegen Filme vor und kümmert sich um die Ausgabe von Getränken und Popcorn.

Das Vorführen ist dabei sehr viel leichter geworden, seit auch das Olympia-Kino auf digitale Projektion umgestellt hat. Früher wurden die Filmrollen von spezialisierten Speditionen, sogenannten Filmtauschern, geliefert, die dazu einen Schlüssel für den Vorführraum hatten. Sie nahmen die Rollen, die zurückgingen, mit und brachten neue Filme. Heute geht es einfacher. Viele Filme werden über Online-Portale freigeschaltet oder direkt auf den Computer geladen. Die Vorführung geschieht auf Knopfdruck.

„Hat Kino eine Zukunft?“, wollen wir von Jo Bauer wissen. Er ist davon überzeugt. Kino sei ein sozialer Ort – für Paare, für Familien, für Freunde, sagt er. Und Kino ermögliche ein ganz anderes Sehen als zuhause vor dem Fernseher oder dem Computer. Dass die Lichtspielhäuser aktuell wegen Corona ihr Laufpublikum verloren haben, sieht er als vorübergehende Erscheinung.

Wenn Jo Bauer Mitte nächsten Jahres in Rente ist, will er übrigens erst einmal auf Reisen gehen, wie er erzählt. Filme haben für ihn nichts an Reiz verloren, wohl aber haben sich seine Sehgewohnheiten verändert. Seit er vor wenigen Jahren geheiratet hat, schaut er vorwiegend englischsprachige Filme. Seine Frau ist nämlich Amerikanerin und des Deutschen nicht so mächtig.