Hirschberg

Hirschberg Hubert Aiwanger, stellvertretender Ministerpräsident des Freistaates, spricht bei den Freien Wählern

Schützenhilfe aus Bayern

„Es ist eine Veranstaltung mit Seltenheitswert“, sagt Hirschbergs Bürgermeister Manuel Just in seinem Grußwort. „Zum ersten Mal ist ein stellvertretender Ministerpräsident des Freistaates Bayern in unserer Gemeinde“. Klar, dass Hubert Aiwanger sich in das Goldene Buch eintragen darf. „Eine hohe Ehre“, bedankt sich der Gast artig.

Gerechtfertigt scheint dies in der Tat. Der 48-Jährige ist ein politischer Aufsteiger des Jahres 2018. Lange eher aus dem legendären Singspiel am Nockherberg bekannt, ist der bayerische Landes- und Bundesvorsitzende der Freien Wähler seither Wirtschaftsminister und Vize-Regierungschef eines der wichtigsten Bundesländer. Nach ihren Verlusten bei der Landtagswahl braucht die CSU ihn als Koalitionspartner.

Rund 100 Zuhörer im Saal

Aiwanger sieht darin eine Zäsur. „In den Umfragen zur Europawahl sind wir bei drei Prozent“, erinnert er: „Und der Wahlkampf hat noch gar nicht begonnen.“ An jenem Abend fängt Aiwanger damit an. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung im Feuerwehrhaus Leutershausen ist er vor Ort. Unprätentiös, doch ohne peinliche Kumpelhaftigkeit, parliert er mit den Gästen, steht für Selfies bereit. Rund 100 Besucher sind im Saal; manch andere Partei wäre froh über solchen Andrang.

An diesem Abend will die Partei der Freien Wähler einen Kreisverband Rhein-Neckar ins Leben rufen. Es ist eine Gründung von oben. Die örtlichen Freien Wählervereinigungen lehnen dies ab; sie wollen weiterhin nur lokal tätig bleiben.

Ort der Gründung ist Hirschberg dank Bernd Barutta, der hier wohnt. Beruflich Repräsentant des Deutschen Fußballbundes bei Bundesregierung und Bundestag, ist er zentrale Figur von Aiwangers Partei in der Region, auch ihr Europakandidat.

Für die „Freien“ sieht Aiwanger Potenzial in der „bürgerlichen Mitte“. Zur AfD grenzt er sich ab, warnt vor dieser „dubiosen Partei“. Mit einer Stimme für sie würden konservative Wähler genau das Gegenteil erreichen: „Je stärker die AfD, desto mehr linke Regierungspolitik.“

Aiwanger selbst lässt sich in keine Schublade pressen. Er postuliert liberale Forderungen wie die Abschaffung der Erbschaftssteuer, ist gegen Pkw-Maut, Tempolimit und auch gegen den Mindestlohn: „Darüber freuen sich nur die wenigen SPD‘ler, die es bei uns in Bayern noch gibt.“

Auf der anderen Seite wettert er gegen „Börsendenken“, gegen die Agrarindustrie, die ländliche Gebiete zum „Wolfserwartungsland“ degradiert. Und er outet sich als „glühender Befürworter erneuerbarer Energien“, auch der Windkraft.

Aiwanger spricht fast eine Stunde lang. Völlig frei, ohne jeden Zettel, ohne Rednerpult, nur mit Mikro in der Hand, vorne stehend. Als die Rede beendet ist, gehört er wieder dem Publikum. Der Chauffeur wartet im Auto auf dem Parkplatz; es ist, wie es sich für Wirtschaftsminister aus München gehört, das Produkt eines bayerischen Autobauers.