Hirschberg

Hirschberg Jens Schlichting begleitet im Olympia Kino Fritz Langs „Die Frau im Mond“ auf dem Klavier, und das länger als 160 Minuten / Förderkreis zeigt restaurierte Fassung

Stumme Bilder zum Klingen gebracht

„Haben Sie das alles auswendig gelernt?“ Bewundernd fragt ein Besucher des Leutershausener Olympia-Kinos den Pianisten Jens Schlichting. Es ist gerade Pause. 161 Minuten lang ist die restaurierte Fassung des Fritz-Lang-Stummfilms „Die Frau im Mond“, die Schlichting live auf dem Piano begleitet. Das Kino ist fast ausverkauft, die Zuschauer sind begeistert. Großes Staunen, als der Pianist verrät, dass es gar keine Noten gibt, die er hätte auswendig lernen wollen: „Ich improvisiere“, erklärt er.

Den Film hat er sich im Vorfeld natürlich schon angeschaut. Wie sind die Spannungsbögen? Wo die Pointen? Wie schnell fällt einer der Protagonisten um? Das alles weiß er. Der Rest fließt ihm sozusagen aus den Fingern. Würde er den Film an mehreren Tagen hintereinander begleiten – es wäre jedes Mal eine andere musikalische Umsetzung. Stummfilme auf dem Klavier live begleiten – das ist ein Metier, das heutzutage nur noch ganz wenige beherrschen.

Offen für die Handlung sein

Der Hirschberger Pianist, Komponist und Musikpädagoge ist mit dem Olympia-Kino von Anfang an verbunden. Hier hat er auch seinen allerersten Stummfilm begleitet. „Tartüff“ von Friedrich Wilhelm Murnau war es gewesen, erinnert er sich zurück. Hört er sich die Original-Musik der Stummfilme an, wenn er sie sich vorab anschaut? „Ich stelle den Ton ab“, verrät Schlichting, „wenn es nicht die Original-Musik ist. Ich will nicht beeinflusst werden, sondern offen sein für das, was passiert.“ In der Vorbereitung entstehen eigene Dinge in seinem Kopf.

Wiebke Dau-Schmidt, Vorsitzende des Förderkreises Olympia-Kino, freut sich zu Beginn des Abends: „Ich bin überwältigt, dass so viele sich nicht haben abschrecken lassen von diesem richtig langen Film.“ Sie verspricht einen spannenden Film rund um das Thema Mondlandung – und sie soll recht behalten. „Stummfilmabende mit Herrn Schlichting sind immer grandios“, so ein Zuschauer.

Zurückgelehnt in die roten Plüschsessel des Programmkinos geht es auf eine amüsante und spannende Zeitreise. Der Science Fiction beginnt wie ein Agentenfilm. Dem verarmten Professor Manfeldt, der wegen seiner These, auf der dunkeln Seite des Mondes gebe es Gold, von den Kollegen nur verlacht wurde, ist noch ein Freund geblieben, der an ihn glaubt – Wolf Helius, Besitzer einer Flugwerft. Der arbeitet mit dem Ingenieur Windegger und dessen Verlobter Friede Velten, einer Astronomiestudentin, an der Realisation der ersten Expedition auf den Mond. Doch natürlich gibt es dunkle Gestalten, allen voran Turner, die nichts anderes im Sinn haben, als sich die vermeintlichen Reichtümer vom Mond zu ergaunern.

Bis dahin lebt der Film von vielen tragikomischen Elementen. Etwa, wenn Helius versucht, dem ebenso verarmten wie stolzen Professor eine leckere Mahlzeit samt Wein zukommen zu lassen. Herrliche Kameraeinstellungen werden vom dankbaren Publikum belacht, etwa, wie in einer Großeinstellung Manfeldts Gesicht dabei gezeigt wird, wie ihm das Wasser im Munde zusammenläuft angesichts von Brot, Huhn und Wein. Schnitt. Im nächsten Moment sieht man nur ein Stück Huhn – auf dem Weg in Helius’ Mund. Schließlich lässt sich der Professor überreden und genießt. Dass es auch damals schon product placement in Filmen gab, ruft gleich noch einmal Gelächter hervor: Der Professor schenkt sich Wein in ein Glas, auf dem in großen Lettern „Odol“ zu lesen ist.

Es gibt Rückblicke, Parallelhandlungen, spannende Szenen, Tumulte, fast slapstickhafte Momente. Dann endlich die Reise zum Mond. Manchmal erkennt man, dass die Rakete nur ein kleines Modell ist. Dann wieder staunt man über die Geschwindigkeit von exakt 11 200 Metern pro Sekunde, die das Gefährt braucht, um Richtung Mond katapultiert zu werden und lacht über die Handgriffe, die wie in einem Bus von der Decke des Raumschiffs baumeln, um sich festzuhalten. Ist fasziniert davon, wie nahe die Ideen der Jahre später erfundenen Technik schon kommen. Tatsächlich landet die Gruppe auf dem Mond, wo sich die Ereignisse überschlagen. Und am Ende steht ein Happy End. AWA