Hirschberg

Hirschberg Radfahrerin Heike Pirngruber aus Großsachsen ist in Europa unterwegs / Reise bringt so manche Erkenntnis

„Wir Deutsche leben im Paradies“

Archivartikel

Fast acht Monate war Heike Pirngruber auf Heimatbesuch. Nach viereinhalb Jahren Weltreise allein mit dem Fahrrad. Acht Monate, in der sie Zeit mit Freunden verbrachte, Familienfeste wie die Hochzeit ihres Bruders feierte. Doch in dieser Zeit blieb die Kamera der Fotografin und Kamerafrau meist in der Tasche. Gefragt nach einem Foto, das Heimat oder die Bergstraße für sie ausmacht, muss die Großsachsenerin passen. Das sagt einiges aus.

Denn die Rückkehr in „ihr Dorf“, zu „ihren Leuten“, zählte irgendwie nicht zur Reise dazu. Es war gewissermaßen ein weißer Fleck im Reisetagebuch, ein Ankommen, vor dem sich die 46-Jährige sogar fürchtete.

„Ich war so was von nervös, und alles kam mir so fremd vor. Plötzlich bekam ich Angst, dass meine Mutter nicht mehr da sein könnte. Die vielen Neubauten, Baumärkte, Neubaugebiete, die die Landschaft verschandeln“, erinnert sich Pirngruber, die sich ihrem alten Umfeld in der ganzen Hektik und Schnelllebigkeit erst wieder annähern musste.

Termine wieder vereinbaren

Und neuerdings Termine ausmachen musste, wenn sie jemanden treffen wollte. Während für Freunde und Familie der Alltag weiterlief, suchte die Solistin auf dem Rad ihren Platz an dem Ort, den sie vor viereinhalb Jahren Richtung Osten verlassen hatte. Sie fand ihn nicht.

„Alle waren neugierig, mich zu sehen, aber fast keiner stellte mir Fragen oder hatte Interesse an meiner Reise. Ich kam mir ein wenig vor wie ein Störenfried, ein Mensch, der anderen den Spiegel vor Augen hält, die nun das Gefühl hatten, sich rechtfertigen zu müssen, dass sie noch immer dort arbeiten, wo sie schon immer gearbeitet hatten. Aber seien wir doch mal ehrlich: Die Allermeisten wollen ja nicht so leben wie ich. Und das ist ja gut so.“

Sie wollte dazugehören, doch das Gefühl stellte sich nicht ein. „Heimkommen ist der schwierigste Teil der Reise. Meine Leute und mich trennten Welten.“ Es war ja von Anfang an klar gewesen, dass sie nicht lange bleiben würde.

Reisen ist Pirngrubers Leben. Nur die Wie-Frage stellte sich. Zu Fuß? Mit einem Packtier? Mit einem Trailer, den sie hinter sich herzog? Doch nach einer Reise mit ihrer Mutter in den Iran stand fest: Es wird wieder das Rad. Und jetzt ist sie schon wieder „on Tour“.

Positive Seiten Deutschlands

„Am Ende fiel es mir dann doch schwer, zu gehen. Ich sah die positiven Seiten Deutschlands, sah, wie privilegiert wir Deutschen sind, in welchem Paradies wir leben. Viele Menschen scheinen nicht zu begreifen, wie gut es ihnen geht und wollen oft nur das Negative sehen“, sagt Pirngruber, die sich in ihrer Heimat wie eine Besucherin fühlte.

Jetzt ist sie wieder unterwegs. Mit dem Rad zuerst Richtung Norden. Die ersten 1700 Kilometer durch Belgien, Holland und England liegen hinter ihr. Inzwischen ist sie wieder im französischen Caen, von wo aus sie Frankreich durchqueren wird. Spanien und Marokko sind das nächste Ziel.

Dann Afrika, einen Kontinent, den die Frau mit den 91 Länderstempeln im „besten Reisepass der Welt“ noch nicht kennt. „Ich bin wieder auf der Straße.“ Und glücklich. AT