Hochschule

Geschichte Zum 50. Mal jährt sich die 1968er Revolte, die sich in Mannheim vor allem auf interne Belange der Universität konzentrierte

Brave Proteste statt Gewalt

„Noch herrscht in Mannheim Ruhe vor dem Sturm. Der Streik ist ausgerufen. Die Situation ist offen“, heißt es auf einem Flugblatt des studentischen Streikrats in Mannheim. Als vor 50 Jahren das Kulturministerium eine an der Universität Mannheim eigenständig erarbeitete Hochschulreform ablehnte, brach eine aufgebrachte Welle studentischen Protests los. Erregt über die Einführung des Numerus Clausus, starre Strukturen und Autoritarismus, gingen Studierende auf die Straße.

Jahre des Aufbruchs

Die 68er-Bewegung markiert Jahre des Aufbruchs und der Rebellion. Was in Deutschland als Protest gegen die Zustände an den Universitäten begann, formierte sich zu einer ganzen Bewegung studentischen Aufbegehrens gegen vieles andere: Vietnamkrieg, mangelhafte Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit oder Notstandgesetze. Und das Desiderat einer freieren Demokratie und Auseinandersetzung mit der Vätergeneration fand auch in Mannheim seinen Widerhall.

Doch konzentrierte sich der Demokratisierungsschub in Mannheim vielmehr gen universitätsinterne Belange. Welche man im Diskurs, alsbald durch Protestaktionen zu verändern versuchte. Ein wesentlicher Grundsatz war dabei: Gewalt sollte Argumente nicht ersetzen.

Reformbereite Professoren, Assistenten und Studierende setzten sich im Schulterschluss dafür ein, das baden-württembergische Hochschulgesetz auf neue Füße zu stellen. Unter den Forderungen: Öffentlichkeit von Senatssitzungen und Mitbestimmungsrechte für Assistenten und Studierende in der Grundordnungsversammlung (GOV). Doch die einträchtig konzipierte Übergangssatzung für eine Hochschulreform wurde abgelehnt. Die aufgeheizte Stimmung entzündete sich. Der Streik wurde ausgerufen.

„Mannheim liefert den Beweis, dass sich Hochschulen reformieren könnten. Der Beschluss des Kultusministeriums ist ein Schlag gegen die Autonomie unserer Universität“, heißt es in einer Presseerklärung des studentischen Streikrats vom 7. Februar 1969.

Während sich in Berlin, Frankfurt oder Heidelberg turbulente Szenen abspielten, wo vornehmlich linksorientierte Studierende auf Kollisionskurs gegen Staat und verstaubtes Establishment gingen, verliefen die Proteste in Mannheim weitgehend gewaltfrei. „Freilich gab es auch Rangeleien um das Mikrofon bei Vollversammlungen“, sagt Alfred Storch, zu jener Zeit Psychologie-Student und Mitglied des GOV-Info-Redaktionsteams. Doch blieben Stürme auf den nicht-öffentlich tagenden Senat Einzelfälle. „Man wollte wissen, was der Senat hinter verschlossenen Türen ‚mauschelte’“. Gemeinhin bestand aber eine solidarische Atmosphäre.

Da Mannheim erst 1967 zu einer Universität wurde, existierten zudem anders als an der Universität Heidelberg jene tradierten Strukturen einer Ordinarienuniversität, der „Muff vor tausend Jahren“, nicht. „Der Protest Mannheimer Studierender war ein angepasster und mit den Ausnahmezuständen an anderen Universitäten nicht zu vergleichen“, so Jochen Hörisch, Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim, der von 1970 bis 1976 an den Universitäten in Düsseldorf, Paris sowie in Heidelberg studierte und die Phase der Studentenunruhen vor Ort miterlebte.

Friede als historische Ausnahme

Doch das gewaltfreie Bemühen um eine Hochschulreform scheiterte an externen Gründen. Die wilden 1968er und mit ihr die euphorische Hoffnung auf strukturelle Veränderungen waren vorbei. Heute leben junge Menschen in Deutschland in einer historischen Ausnahmesituation, in der wie nie zuvor derart lange relativer Frieden in Westeuropa herrscht. Mit den Schocks der letzten Jahre wie Terror oder Rechtsruck steigt jedoch das Bewusstsein, dass Frieden und Sicherheit keine stabilen Größen sind. Ist es nach 50 Jahren also Zeit für eine neue Studentenbewegung?

„Seit den 68ern ist vieles liberaler. Kulturelle, sexuelle und spirituelle Freiheit ist in unserer Gesellschaft verankert. Auch die Grundkoordinaten eines demokratischen Fundaments stimmen“, so Hörisch. „Anstatt sich einer subversiven Revolution zu verschreiben, um ein System zu verändern, bedarf es der Rückbesinnung auf die richtigen Fragen, um bestehende Probleme wie soziale Ungleichheit konstruktiv zu lösen.“