Hochschule

Initiative Hochschulgruppe „Studenten bilden Schüler“ organisiert Nachhilfestunden / Studierende arbeiten ehrenamtlich

Chance auf gute Bildung bieten

Archivartikel

Ein kleiner Tisch am Fenster in der Zentralbibliothek im Stadthaus N1 ist vorbereitet. Rote Karteikarten, Übungsbücher und farbige Marker liegen ordentlich auf dem Tisch. Hanna Motuzenko wartet auf die neunjährige Nachhilfeschülerin Kathrin. Seit etwa einem halben Jahr hilft die 19-Jährige ihr mit Deutsch.

Dabei lernt Hanna selbst erst seit etwa vier Jahren Deutsch. Sie ist für ihr Volkswirtschaftsstudium vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland gezogen. „Meine Muttersprache ist Russisch. Das ist praktischerweise auch Kathrins zweite Muttersprache“, sagt Hanna. Mit Kathrins Mutter vereinbart Hanna deshalb die Deutschlerntermine auf Russisch. Die Nachhilfe ist ehrenamtlich. Organisiert wird sie von der bundesweit aktiven studentischen Initiative „Studenten bilden Schüler“, die auch an der Universität Mannheim vertreten ist.

Als Hanna angefangen hat, sich für die Initiative zu engagieren, musste sie angeben, in welchen Fächern sie helfen kann. Deutsch war von Anfang an dabei. „Am Anfang war ich ganz schön aufgeregt, weil ich gehört habe, dass man sich immer gut auf den Unterricht vorbereiten muss. Das stimmt auch. Aber Kathrin macht es mir sehr leicht“, berichtet Hanna. Da sie selbst erst vor Kurzem die deutsche Grammatik erlernt hat, ist sie mit den Regeln bestens vertraut. Für die Vorbereitung der Nachhilfe plant sie etwa zwei Stunden ein. Sie nutzt dafür Lehrmaterialien, die in der Bibliothek zur Verfügung stehen, und recherchiert im Internet nach geeigneten Aufgaben.

Die Nachhilfe ist ehrenamtlich

Pünktlich um 13 Uhr erscheint Kathrin mit ihrer Mutter zur Nachhilfestunde. Sie trägt ein sommerlich-festliches blau-rosa geblümtes Kleid, das gut auch zu einem Picknick im Grünen passen würde. Dazu passt die entspannte Stimmung während der Unterrichtsstunde. „Wie geht es dir?“, fragt Hanna einleitend. Daraus entwickelt sich ein Gespräch, bei dem die Drittklässlerin auch von den neuen Themen des Deutschunterrichts an der Pestalozzischule berichtet.

Für die heutige Stunde hat Hanna Übungsaufgaben zur Silbentrennung vorbereitet. Dazu hat sie auf kleine Karteikarten Wörter geschrieben, die Kathrin trennen muss. Im Anschluss zeigt Hanna ihr eine weitere Karte mit der entsprechenden Regel. Kathrin wird im Laufe der Stunde deutlich besser. „Vorher wusste ich gar nicht, wozu man Silbentrennung überhaupt braucht“, sagt Kathrin. Als sie hört, dass man diese bei Zeilenumbrüchen verwendet, erscheint ihr das Erlernte nützlicher. „Manchmal orientiere ich mich an den Lehrplaninhalten“, erklärt Hanna.

Allerdings kenne sie das deutsche Schulsystem nicht so gut. Deshalb wisse sie nicht immer, in welcher Reihenfolge Themen erlernt werden. Sie überlege sich deshalb meistens selbst, was sie mit Kathrin übt. Oft stoße sie im Gespräch über Problemfelder und bereite dann dazu eine Stunde vor. Prinzipiell setze sie jedoch einen Schwerpunkt: „Ich versuche, mit Kathrin gezielt bestimmte Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit und Logik zu trainieren“, sagt Hanna. So suche sie zum Beispiel für Kathrin interessante Geschichten und Gedichte heraus. Durch kleine Arbeitsaufträge versuche sie Kathrin beizubringen, konzentriert zuzuhören. Kathrins Mutter ist über die Caritas auf das Nachhilfeangebot der Initiative aufmerksam geworden. „Wir haben sechs feste Partnerschulen, die uns die Schülerinnen und Schüler vermitteln“, sagt Nicola Drotos, Vorstand der Initiative „Studenten bilden Schüler“. Allerdings würden die meisten über soziale Einrichtungen und Träger wie das Jugendamt oder das „Förderband“ zur Initiative gelangen. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Kindern, die das Nachhilfeangebot in Anspruch nehmen“, sagt die 20-Jährige.

Logik und Aufmerksamkeit üben

An der Universität Mannheim gebe es im Moment mehr Studierende, die gerne Nachhilfe geben würden, als Schülerinnen und Schüler, die auf das Angebot zurückkämen. Dabei sei die Initiative schon eher zurückhaltend mit sogenannten „Kick-off“-Treffen, bei denen um neue Mitglieder geworben wird. Leider ließen sich Ungleichgewichte nie ganz vermeiden.

Schüler und Studierende, etwa aufgrund von Auslandsaufenthalten, sind meistens über nicht allzu lange Zeit dabei. Grundsätzlich sei es aber beeindruckend zu sehen, wie viele Studierende gerne bereit sind, mehrere Stunden ihrer Freizeit der ehrenamtlichen Nachhilfe zu widmen. „Jeder sollte die Chance auf eine gute Ausbildung und ein Studium haben. Unabhängig vom Einkommen. Ich freue mich, etwas von dem zurückzugeben, was mir selbst geboten wurde“, sagt Hanna.