Hochschule

Musik Die Grundlagen des deutschen Sprechgesangs wurden in Heidelberg gelegt / Symposium an der Popakademie

Deutsche Geschichte des Hip-Hop

Archivartikel

Ein Hip-Hop-Symposium an der Popakademie in Mannheim? Ghetto-Parolen im Hörsaal? Was zunächst doppelt befremdlich wirkte, stellte sich im Laufe der Veranstaltung als eine runde Sache am richtigen Ort heraus. „Zielsetzung des Symposiums war es, Akteure aus der Szene mit Wissenschaftlern in den Dialog bringen, um die Forschung hierzulande voranzubringen“, betont Popakademie-Sprecher und Mitveranstalter Andreas Margara.

Ghetto-Parolen im Hörsaal

Bei der ersten Veranstaltung dieser Art hierzulande ging es gleich ans Eingemachte. Hip-Hop wurde aus den verschiedensten Blickwinkeln bis zu seinen Wurzeln seziert. Von Beginn an herrschte Einigkeit darüber, dass Heidelberg eine besonders aktive Rolle im Entstehungsprozess gespielt hat, lange bevor einige Metropolen des Landes das in der afroamerikanischen Straßenkultur verwurzelte Musik-Genre für sich proklamierten.

Der Austragungsort dieses besonderen Symposiums sei demnach nicht zufällig auf Mannheim gefallen, sagt Margara. „In Heidelberg wurden die Grundlagen für den deutschen Hip-Hop gelegt. Advanced Chemnistry nahmen dort mit ,Fremd im eigenen Land’ eine der ersten Rap-Singles auf Deutsch auf“, fährt er fort. Wiederum also kein Zufall, dass Frederik Hahn, bekannt unter seinem Rapper-Namen Torch und einstiges Mitglied von Advanced Chemistry, als Kurator fungierte. Er und seine Heidelberger Recken haben bis heute eine Vorbildfunktion, wie die Talk-Gäste mehrfach bestätigten. Für den Hamburger Jan Delay alias Jan Eißfeldt ist „Heidelberg in Hip-Hop die South Bronx für Deutschland“. Auch er wurde mit Heidelberger Hip-Hop sozialisiert. Jan Delay gehörte neben anderen Szene-Größen, wie Samy Deluxe und Megaloh, Zeitzeugen und Akteuren aus den Heidelberg-Mannheimer Pionierjahren sowie Wissenschaftlern aus Soziologie und Sprachwissenschaft zu einem enorm breitgefächerten Expertenfeld, das dem Ganzen Tiefe und Gestaltungsraum gab.

Der konzeptionell gesteckte Rahmen mit dem Schwerpunkt auf den Anfängen des deutschen Hip-Hops katapultierte die Akteure auf der Bühne gedanklich in Zeiten vor der digitalen Revolution. Auch wenn damals „ein Ferngespräch nach Hamburg so viel gekostet hat, wie ein Netflix-Abo“, so Torch, habe ihn das „Simple“ gezwungen, Kreativität zu entwickeln. Auch für Breakdancer Felix Felixine „hat die heutige Zeit nicht die gleiche Freiheit“. Die Zuhörerschaft, vornehmlich aus der Generation 20plus, durfte so ziemlich lebendige Geschichte erleben. Wissenschaftler überraschten mit akademischen Diskursen genauso wie die Akteure mit Autobiografischem. Zeitweise verschmolzen die Grenzen und das Ganze wurde zu einer Mischung aus Wissen und Entertainment.

Mehr als 500 Besucher

Aber auch Mannheim zeigte sich präsent mit Akteuren aus den Pionierjahren, wie dem Sprüher Gismo oder Rolf Stahlhofen, der vor den Söhnen Mannheims in der Hip-Hop Szene bereits aktiv war. Vertreter des Instituts für Sprache in Mannheim sowie die „Stadt.Wand.Kunst“-Ausstellung des Mannheimer Sprühers Hombre schlugen eine Brücke in die Gegenwart. „Es kamen insgesamt mehr als 500 Teilnehmer“, freut sich Margara, der sich mit der Veranstaltung in Neuland gewagt hatte. „Hip-Hop ist die weltweit einflussreichste Jugendkultur. Die große Nachfrage hat gezeigt, dass wir damit einen Nerv getroffen haben“, resümiert er.

Diskussionsrunden sehr beliebt

Die drei Diskussionsrunden waren sicherlich nicht zuletzt der prominenten Namen wegen absolute Publikumsmagneten. Aufgrund der großen Nachfrage mussten die beiden letzten Diskussionen von der Popakademie in die angrenzende Jungbuschhalle verlegt werden.

Vorträge und Interviews sollten die Perspektiven der Diskussionen um die Aspekte „Business“ und „Feminismus“ erweitern. „Im vorwiegend männlich dominierten Hip-Hop-Kosmos fanden wir es spannend und wichtig, auch die Perspektive junger Frauen zu beleuchten und Ihnen eine Stimme zu geben“, heißt es vonseiten der Veranstalter. Die Anzahl an Teilnehmerinnen gab den Veranstaltern Recht. In einem informativen wie äußerst amüsanten Interview enthüllte beispielsweise die Kurpfälzerin Eva Ries, wie sie Anfang der 90er-Jahre Managerin des „Wu Tang Clans“ wurde.

Hahn untermauerte mehrfach sein Anliegen, dass deutscher Rap als „Kulturgut“ bewusst wahrgenommen werden sollte. „Wir sind dichtende Kinder“, plädiert er für ein kollektives Umdenken. Es gäbe eine Diskrepanz im Verständnis in Bezug auf den Status Quo und das, was eigentlich sein müsste. Er wolle sich künftig dafür stärker einsetzen. Udo Dahmen, künstlerischer Leiter der Popakademie sprach von einem „längst fälligen Schritt“.