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Interview Maja Linthe und Sascha Wolfer erforschen, wie soziale Medien das klassische Schreiben von Texten verändern

„Eine Brücke ins Digitale hinein“

Wie kann man im digitalen Zeitalter die Qualität eines Textes messen? Damit beschäftigt sich das Projekt „MIT.Qualität“. Dazu forschen Linguisten von der Universität Mannheim, dem Institut für Deutsche Sprache sowie das Eurac in Bozen. Im Interview mit dieser Zeitung haben Maja Linthe und Sascha Wolfer versucht, eine Antwort zu finden.

Frau Linthe, warum ist Textqualität gerade heute so relevant?

Maja Linthe: Es gibt zurzeit die Debatte um den Verfall der Schreibfähigkeiten. Unsere Frage ist, ob das stimmt und welche Kategorien angesetzt werden können, um überhaupt Schreibkompetenzen oder -fähigkeiten zu betrachten. Diese Kategorien gibt es bis jetzt nur für monologische Texte, also Texte, die nur von einer Person ausgehen und Informationen übermitteln. Wir wollen nun Social-Media-Texte untersuchen, um einen adäquaten Vergleich und empirische Studien durchführen zu können.

Frau Linthe und Herr Wolfer, welche Rolle spielen Digital Natives?

Linthe: Die Digital Natives sind die erste Generation, die mit Social Media-Texten aufgewachsen sind. An den Schultexten kann untersucht werden, ob sie einerseits in den Social Media schreiben und andererseits trotzdem kohärente monologische Texte, also Essays oder Erörterungen, für die Schule verfassen können.

Sascha Wolfer: Es geht uns nicht darum, vorhandene Textmodelle umzuwerfen, sondern um eine Erweiterung dieser. Wir wollen eine Brücke schlagen in digitale Texte hinein. Das Gleiche, die Erweiterung der Fähigkeiten, kann man auch für die Digital Natives behaupten. Diese besitzen die „alten“ Kompetenzen, die nötig sind, um Texte zu schreiben, noch.

Und dies ist das Ziel?

Linthe: Ja, daneben geht es darum, mit neuen Ansätzen herauszufinden, was heute einen guten Online-Text ausmacht – welche Kompetenzen muss der Schreiber oder die Schreiberin beherrschen? Für die Modellbildung haben wir Ratgeberbücher über das Verfassen von Online-Texten ausgewertet. Auf unserer Projekthomepage haben wir auch einen eigenen Blog aufgesetzt, auf dem wir über unsere Arbeit informieren.

Wolfer: Dazu sollen auch schon erste Fallstudien durchgeführt werden. Es ist ein Projektteil geplant, in dem wir Personen ohne linguistische Ausbildung in einer Straßenumfrage nach ihren Eindrücken fragen. Anderes wollen wir online stellen, also in dem Medium, das uns auch interessiert. Es wäre zum Beispiel ein Online-Fragebogen denkbar.

Was kann der Workshop, der am 18. und 19. Juni an der Universität Mannheim stattfindet, dazu beitragen?

Linthe: Am ersten Tag kommen dort die linguistischen Experten und Expertinnen zu Wort und am zweiten die Social-Media-Expertinnen. Die werden selbst darüber Auskunft geben, was sie für einen guten oder auch für einen schlechten Text halten. Damit bekommen wir auch neue Ideen, wo wir noch weiter nachforschen können.

Für welche Online-Texte wird Ihr Modell am Ende gelten?

Linthe: Das lässt sich pauschal nicht sagen, aber in den Ratgeberbüchern geht es vor allem um Blog, Facebook und Twitter. Wir sind natürlich in erster Linie an längeren Texten interessiert und berücksichtigen Youtube nicht, aber Instagram durchaus am Rande.

Was ist das Besondere an diesen Texten?

Linthe: Dort muss darauf geschaut werden, ob man etwa Kommentare zulässt und wenn ja, wie schnell antwortet man und wie geht man mit diesen um? Welche Buttons bietet man in den Social Media an?

Das heißt also, meinen Sie, dass ein Test nicht mehr nur für sich alleine steht?

Wolfer: Wir glauben, dass diese interaktionalen Elemente, die um den Text entstehen, das Lesen und Schreiben beeinflussen. Man kann die Texte nicht untersuchen, ohne diese Elemente miteinzubeziehen.

Interaktion ist also der größte Unterschied von On- und Offline-Texten?

Linthe: Ja, aber auch die Scanbarkeit, also die Möglichkeit des Überfliegens eines Textes. Zum Beispiel wird in den Ratgebern geraten, Zwischenüberschriften einzusetzen. Dann gibt es natürlich multimodale Elemente wie Fotos oder die Suchmaschinenoptimierung. Aber auch die Glaubwürdigkeit des Autors und der Autorin oder Emotionalität spielen eine große Rolle.

Wolfer: Am Ende zählt auch noch die Aktualität. Die wird von den Leserinnen und Lesern in Online-Texten eingefordert. Das Medium bietet einfach Aktualität, im Gegensatz zu Print-Medien.