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Forschung Der Wirtschaftshistoriker Jochen Streb wurde für seine Arbeit über Start-Ups im Deutschen Kaiserreich prämiert und spricht über die Relevanz der Geschichte

Große Themen, kleine Fragen und hohes Potenzial

Archivartikel

Oft sehen sich Historiker mit der Aussage konfrontiert, dass ihre Forschung keinerlei Mehrwert für die Gesellschaft habe, denn weder für die Gegenwart noch für die Zukunft könne sie Aussagen liefern. Was die Geschichtswissenschaft der Gesellschaft, insbesondere mit Blick auf die Wirtschaft bringt, weiß Jochen Streb. In seiner Arbeit als Wirtschaftshistoriker an der Uni Mannheim vereint er Methoden der Geschichtswissenschaften mit Methoden der Wirtschaftswissenschaften.

„Mit Hilfe der Wirtschaftsgeschichte kann man die Vergangenheit besser verstehen. Gleichzeitig dient die Wirtschaftsgeschichte aber auch als ,Labor’ zur Überprüfung von wirtschaftswissenschaftlichen Theorien, die auf Gegenwart und Zukunft angewendet werden“, so Streb. Die Vielseitigkeit des empirischen Forschens veranschaulicht Streb durch ein Beispiel: Manchmal soll etwas untersucht werden, aber es lassen sich keine exakten Daten dazu finden.

Eine Wirtschaftshistorikerin hatte sich einmal für die Landnutzungssysteme in England interessiert .Die Historikerin ging der Frage nach, ob die Einwohner Vieh gehalten haben oder stärker Ackerbau betrieben. Allerdings gab es keinerlei Informationen darüber, weshalb sie für ihre Forschung Kirchenbücher herangezogen hatte. In diesen wurden Hochzeiten datiert, woraus die Forscherin ihre Ergebnisse herleiten konnte.

In Gebieten, die hauptsächlich auf Getreide fokussiert waren, wurde nach der Ernte im Herbst geheiratet. In Regionen, die mehr von Viehhaltung lebten, war der typische Zeitpunkt für Hochzeiten im Frühjahr – abhängig von der Paarungszeit der Tiere .„Das ist es, was das Fach so interessant gestaltet. Zu versuchen, Indikatoren zu finden, die vielleicht auf den ersten Blick nicht das zeigen, was man wissen will“, sagt Streb. Er schreibt dem Studienfach eine interdisziplinäre Stellung zu.

Interdisziplinäre Stellung

In diesem Kontext der Interdisziplinarität stehe die Wirtschaftsgeschichte vor vielen Aufgaben, die viel Forschungspotenzial bieten. „Das Fach geht auf wirklich wichtige Fragen ein“, sagt Streb und benennt diese: „Warum haben sich manche Länder und ihre Bewohner wirtschaftlich entwickelt und andere nicht? Warum hat sich die Industrialisierung in Europa ausgebildet? Wie wird wirtschaftliche Entwicklung generell vorangetrieben?“ Auch kleine Fragen seien relevant. „Eine dieser Fragen ist die der Finanzierung von Innovation.“ Dieser Frage ist er in seiner Forschung „Die Berliner Börse im deutschen Kaiserreich – ein Markt für neue Technologien?“, gemeinsam mit Sibylle Lehmann-Hasemeyer nachgegangen.

In ihrer Forschung arbeiten sie unter anderem heraus, dass sehr viele Unternehmen im deutschen Kaiserreich die Börse zur Eigenfinanzierung nutzten. Die innovativen Unternehmen, die man heute wohl als Start-Ups bezeichnen würde, schnitten bei dieser Finanzierung sehr gut ab, denn sie hatten einen hohen Kurs. Die Börse stellte daher eine attraktive Methode dar, um sich finanzielle Mittel zu beschaffen.

Für ihre Forschung wurde ihnen der Schmölders-Preis 2018 verliehen. Dieser wird jährlich von der Schmölders-Stiftung für Verhaltensforschung im Wirtschaftsleben gestiftet. ljd