Hochschule

Interview Laut der Juniorprofessorin Beatrice Kuhlmann hilft es bei der Klausurvorbereitung, sich an Details wie den Ort zu erinnern

„Lernen sollte sich immer einen Ticken schwierig anfühlen“

Möglichst viel und effizient lernen gilt jetzt als höchstes Ziel unter den Studierenden – denn bald startet die Prüfungsphase. Aber wie genau stellt man das eigentlich an? Als Expertin für Gedächtnisforschung verrät Beatrice Kuhlmann, Juniorprofessorin am Lehrstuhl für kognitive Psychologie, wichtige Tipps für eine optimale Vorbereitung auf schwere Klausuren.

Frau Kuhlmann, Ihr Spezialgebiet ist die Gedächtnisforschung. Was genau erforschen Sie?

Beatrice Kuhlmann: Ich beschäftige mich mit dem episodischen Gedächtnis, das für das detaillierte Erinnern der Vergangenheit zuständig ist. Es geht also über das reine Faktenwissen hinaus. Speziell beschäftige ich mich mit dem Quellengedächtnis, also mit Fragen nach „Wer hat mir das erzählt?“ oder „Wo war ich als ich das erfahren habe?“

Greift man beim Lernen nicht eher auf Faktenwissen zurück?

Kuhlmann: Ja, aber das semantische Gedächtnis, also reines Faktenwissen, bildet sich erst mit der Zeit aus dem episodischen Gedächtnis heraus. Auch beim Lernen erinnern wir uns anfangs erst an Details, zum Beispiel: „Was hat der Prof in der Vorlesung dazu noch mal gesagt?“

An der Universität Mannheim beginnt bald die Prüfungsphase. Welche Lernstrategie ist aus wissenschaftlicher Sicht am erfolgreichsten?

Kuhlmann: Studierende sollten am besten nicht zu spät mit dem Lernen anfangen. Was sich in der Forschung immer wieder als günstige Lernstrategie bewährt hat, ist das sogenannte „verteilte Lernen“. Das bedeutet, dass, anstatt mehrerer Stunden am Stück zu lernen, der Stoff besser über mehrere Tage verteilt jeweils eine Stunde wiederholt werden soll. Was das Gedächtnis ebenfalls begünstigt, ist das sogenannte „verschachtelte Lernen“, also Themen durcheinander zu lernen.

Was bewirken diese beiden Lernstrategien im Gedächtnis der Menschen?

Kuhlmann: Die Idee hinter beiden Lernstrategien ist, dass man sich beim Wiederaufnehmen des Stoffes an die letzte Lerneinheit zurückerinnern muss. Dabei reflektiert der Lernende zum einen, welcher Stoff schon erlernt wurde, zum anderen stärkt das Abrufen der Inhalte das Gedächtnis.

Was sind die häufigsten Fehler, die beim Lernen gemacht werden?

Kuhlmann: Oft wird der Fehler gemacht, dass wiederholtes Durchlesen oder reines Ansehen von Unterlagen als Lernen verstanden wird. Am Ende des Lernprozesses steht dann der Test oder die Klausur, die das Wissen abfragt. Tatsächlich ist der Test ein nützliches Tool beim Lernen, das zu einer viel besseren Gedächtnisleistung führen kann, wenn wir es in der Vorbereitung schon anwenden. Ich empfehle es, Tests in das Lernen einzubauen. Einfach mal die Unterlagen weglegen, schauen, an was man sich selbst erinnern kann oder sich klassisch mit Karteikarten selbst abfragen, sind hierbei einfache Mittel.

Oft müssen Studenten gleichzeitig für mehrere Prüfungen lernen. Wie sollte man da am besten vorgehen?

Kuhlmann: Es ist immer schwierig, für viele verschiedene Bereiche gleichzeitig zu lernen. In der Psychologie nennt sich das Interferenz. Was bei der Vorbereitung helfen kann, ist das Lernen an unterschiedlichen Orten für die Fächer. Diese Vorgehensweise kann beim Wiedererinnern helfen, da unser Gedächtnis kontextabhängig ist. Das Gedächtnis ist also besser an dem Ort, an dem der Stoff auch gelernt wurde. Bei der Klausur kann hierbei schon helfen, sich den Lernort nur vorzustellen, um bestimmte Inhalte wieder zu er-innern.

Wie oft sollte man sich beim Lernen eine Pause gönnen? Und sind Pausen überhaupt sinnvoll?

Kuhlmann: Es kann auch hilfreich sein, nötige Auszeiten einzubauen, da man sich nicht zu lange auf einen Fachbereich konzentriert. Besser wäre es aber, wirkliche Pausen zwischen dem Lernen einzulegen, anstatt sich ständig weiter zu fordern.

Gibt es auch unterschiedliche Lerntypen?

Kuhlmann: : Wir wissen, dass es starke Präferenzen gibt. Die Tatsache, dass es Leute gibt, die tatsächlich nur auditiv oder visuell lernen können, hat sich aus Studien nicht ergeben. Probanden lieferten unabhängig von den Lernbedingungen keine Unterschiede abhängig von ihren bevorzugten Methoden. Beim selbstgesteuerten Lernen kann es jedoch wichtig sein, dass man sich das Lernen angenehm gestaltet. Auch um motiviert zu bleiben.

Also sollte man sich beim Lernen tatsächlich wohlfühlen, statt sich zu quälen?

Kuhlmann: Generell gilt: Ist man gerade an seiner Wissensgrenze im Lernprozess und fühlt eine gewisse Anstrengung dabei, ist man an dem Punkt, an dem das meiste Lernen stattfindet. Lernen sollte sich also eigentlich nicht gut, sondern immer einen Ticken schwierig anfühlen. Man kann sich also merken, dass Lernen eine Herrausforderung sein soll, aber nie eine Überforderung.

Das Interview wurde persönlich geführt und Beatrice Kuhlmann vor Abdruck zur Authorisierung vorgelegt.