Hochschule

Nebenjob Studenten können sich zu Bahnfahrern ausbilden lassen / Vollzeitmitarbeiter der RNV sollen entlastet werden

Mit dem Koloss auf der Straße

Archivartikel

Jeden Tag und zu jeder Stunde sitzen hunderte Menschen in den Straßenbahnen Mannheims. Einige sind noch im Halbschlaf, manche lesen Zeitung, andere hören Musik. Feriengruppen oder Schulklassen schreien auf dem Weg ins Museum durcheinander. Abends ist das Partyvolk auf den Beinen und will schnell in Bars und Clubs. In den Bahnen treffen alle Schichten und Altersgruppen aufeinander. Gefahren werden diese 30 Tonnen schweren Fahrzeuge auf den Schienen in Zukunft auch von Studenten.

Jede Haltestelle kennen

Zwei Monate, sechs Tage die Woche und teilweise eine weite Anreise – die Studenten nehmen einiges auf sich, um hier in Mannheim eine Ausbildung zum Straßenbahnfahrer machen zu können. „Ich fahre jeden Tag 80 Kilometer hin und 80 Kilometer zurück“, erzählt Marvin König. Er studiert in Heilbronn Verkehrsbetriebswirtschaft und kann sich vorstellen, auch nach seinem Studium weiter in dem Bereich zu arbeiten. Für Tobias Simon und Gianluca Apruzzese steht fest, dass sie den Beruf als Bahnfahrer oder einen anderen Job in dem Bereich nicht dauerhaft ausüben möchten.

Tobias Simon studiert ab dem Wintersemester Medizin in Heidelberg und möchte sich später ganz der medizinischen Laufbahn widmen. Ähnlich ist es bei Gianluca Apruzzese, er studiert Englisch und Ethik auf Lehramt. Ein weiterer bahnfahrender Student ist Jamil Kharrat aus Syrien. Er ist seit drei Jahren in Deutschland. Mittlerweile studiert er Maschinenbau im vierten Semester. Die Ausbildungsgruppe ist also bunt durchmischt und die Auszubildenden kommen aus verschiedenen Fachbereichen.

Aber alle haben vorerst das gleiche Ziel: Die Straßenbahnen durch Mannheim zu lenken. Überhaupt in das Ausbildungsprogramm aufgenommen zu werden, ist gar nicht so einfach. Bereits im Vorfeld mussten die Studenten einige Tests machen. Es gab sowohl gesundheitliche als auch allgemeinbildende Tests. Für etwa 20 bis 30 Bewerber gab es maximal sieben freie Ausbildungsplätze. Dieses Jahr wurden sogar nur sechs davon besetzt. „Mich fasziniert es, einen tonnenschweren Koloss durch die Straßen zu schieben“, beschreibt Marvin König seine Begeisterung für die Arbeit. „Vor allem auch, dass wir nicht den ganzen Tag im Büro sitzen müssen und jeder Tag anders ist.“ Nach erfolgreicher Bewerbung müssen die Azubis einige Theorie- und Praxisstunden absolvieren.

Die Gruppe muss jede Kreuzung, jede Haltestelle und jede Linie auswendig lernen. Wann muss ich welche Weiche umstellen? Welche sind elektrisch, welche muss ich per Hand bedienen? Wer hat wann Vorfahrt? Und natürlich was bedeuten sämtliche Signale? Das alles sind Themen in den Theoriestunden von Michael Krause.

Besonders wichtig ist dem Rhein-Neckar-Verkehrsbund (RNV) aber auch die enge Verknüpfung von Theorie und Praxis. Deshalb durften die Studenten bereits ganz am Anfang die Fahrschulstraßenbahn fahren. Jeder fährt etwa eine Stunde, danach wird gewechselt. Vor jeder Fahrstunde muss die gesamte Gruppe das Fahrzeug „fertig machen“. Das heißt, es werden die Bremsen geprüft, die Lichter kontrolliert und geschaut, ob die Türen richtig schließen. „Am Anfang sind wir einfach die Linien abgefahren, aber mittlerweile sagt Michael Krause uns nur noch ein Ziel und wir müssen eigenständig den Weg dorthin finden“, erzählt Marvin König.

RNV braucht Nachwuchs

Das Studentenprogramm gab es bereits in den 90er Jahren. Damals wurde es jedoch ausgesetzt, weil der Aufwand und die Kosten zu hoch waren. Seit zwei Jahren gibt es das Programm jetzt wieder in Mannheim. Der einzige Unterschied von der normalen Ausbildung zum Studentenprogramm ist, dass die Ausbildungszeit um einen Monat verkürzt ist. Personalchef Steffen Grimm sagt: „Es ist wichtig, dass wir Nachwuchs kriegen.“

Die Studenten sollen hauptsächlich Schichten am Wochenende, bei Konzerten oder an Feiertagen übernehmen. Das wiederum soll die Vollzeitfahrer entlasten. Steffen Grimm betont aber auch, dass die Studenten in verschiedene Bereiche bei der RNV reinschnuppern und dort Praktika machen können. Dieser Nebenjob kann also darüber hinaus für Studenten noch ein Sprungbrett sein. Bisher gibt es nur Männer, die an dem Programm teilnehmen, daher wünscht sich die RNV mehr weibliche Unterstützung.