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Konzerte In der jordanischen Hauptstadt Amman organisiert Dozent der Musikhochschule Mannheim eine Tournee für Geflüchtete

Mozart im Wüstensand

Archivartikel

Die wenigen Besucher, die sich hierher verirren, erwartet eine weiße Zeltstadt, eingesäumt von hohen Zäunen und Stacheldraht – im Nirgendwo knapp 50 Kilometer nordöstlich der jordanischen Hauptstadt Amman und circa 50 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Kein Baum oder Strauch wächst hier, eine unwirtliche Gegend. Die Rede ist von dem Flüchtlingscamp Azraq, das einem Hochsicherheitsareal gleicht.

„Es ist schwer, eine Erlaubnis zu bekommen“, berichtet Stefan Arzberger, Musiker und Dozent der Musikhochschule Mannheim. Und trotzdem hat es der Primus des Leipziger Streichquartetts mit einer Handvoll Musikern des Luzern Festival Orchesters geschafft, genau dort seine kleine Konzert-Tournee der besonderen Art zu starten. Vom 29. Juni bis zum 7. Juli waren die Musiker unterwegs, um etwas zu wagen, das es vorher so noch nicht gegeben hat: Konzerte für Flüchtlinge in Jordanien. Eine humanitäre Hilfe der anderen Art.

Humanitäre Hilfe durch Musik

„Alle kennen Ärzte ohne Grenzen“, sagt Arzberger. „Konzerte für Flüchtlinge dagegen sind neu, eine andere Herangehensweise“, so der Musiker. Wie es dazu kam? Grob gesagt habe sich die Idee aus dem Arbeitsumfeld seiner Ehefrau heraus entwickelt, die für Hilfsorganisationen tätig ist. Als Musiker habe er bei diversen Empfängen Konzerte gegeben, so auch vor nicht allzu langer Zeit in Amman, der Wiege seiner Idee. Im Gespräch mit Mitarbeitern verschiedener Kulturinstitute hätte sich eine zentrale Fragestellung herauskristallisiert, die sich schnell als treibende Motivation entwickelte: „Wie können wir als Musiker unseren Beitrag leisten?“

Die Weltgemeinschaft würde schon unheimlich viel unternehmen, aber Konzerte für Flüchtlinge hätte es bislang noch nicht gegeben, berichtet Arzberger weiter. Sicherlich waren da Bedenken im Vorfeld, ob die Musik von Mozart und Mendelsson-Bartholdy passen könnte. Doch warum eigentlich nicht? „Musik ist eine Universalsprache“, argumentiert Arzberger. Und schließlich sei man auch nicht ganz unvorbereitet in den Ring gestiegen.

„Wir hatten einen arabischen Musiker mit dabei“, sagt Arzberger. Der hätte dem Publikum erklärt, welchen Stellenwert Musik in unserem Kulturkreis hat. In der Formation spielten auch zwei Frauen mit. Auch das hätte Erklärungsbedarf mit sich gebracht. „Es war eine rein humanitäre Sache, nichts Politisches“, betont Arzberger. „Die meisten Besucher hatten noch nie eine Geige gesehen“, sagt er. Viele der Flüchtlinge stammten aus den ländlichen Gegenden Syriens, in den Genuss abendländischer Musik käme in dem arabischen Land, wenn überhaupt, jedoch nur die Oberschicht.

Dementsprechend groß war die Neugierde seitens der Flüchtlinge. Arzberger und seine Musikerkollegen hat insbesondere das Lächeln berührt, das ihr Projekt in die Gesichter zu zaubern vermochte. Genau hierin lag auch der Sinn und Zweck der Mission begründet. „Ein wenig Normalität in eine außergewöhnliche Lebenssituation zu bringen“, so Arzberger.

Für die Musiker, die sonst in schicken Konzertsälen spielen, war es gleichsam Neuland. Ihr Publikum, das sich in dem knapp zehn auf 24 Meter großen Zelt einfand, erschien in Alltagskleidung und der Geräuschpegel war enorm. Aber das seien nur Nebensächlichkeiten gewesen. Im Mittelpunkt standen Freude und befruchtende Gespräche im Anschluss an die Konzerte.

„Wir haben jeden Tag dazugelernt“, resümiert Arzberger das neuntägige musikalische Abenteuer. Von ihrem Stützpunkt Amman aus seien sie täglich sternförmig ausgezogen, um in verschiedenen Gemeindezentren von Sozo bis Irbid in der Dar’a-Region ihre Konzerte zu geben. „Es hat nichts damit gemeinsam, was man aus dem Fernsehen kennt“, sagt Arzberger.

Veränderung der Sichtweisen

Besonders das eingezäunte Camp Azraq hätte für beklemmende Gefühle bei den Musikern gesorgt. Alles in allem hätte die Reise die persönliche Sichtweise verändert, auch in Bezug auf das eigene Land. „Es hat noch deutlicher vor Augen geführt, dass hier nicht alles okay ist“, so Arzberger.

Doch als Musiker habe man nun mal nur begrenzte Möglichkeiten, aus denen sie zweifelsohne versucht hätten, das Beste zu machen. „Unsere Aufgabe als Musiker ist es, die Welt bunt und vielfältig zu bewahren, den Blick zu öffnen und neue Möglichkeiten zu generieren“, unterstreicht der Hochschullehrer. Was die Zukunft bringt?„Das war ein Pilotprojekt und wir sind drauf und dran, weiterzumachen“, verkündet Arzberger freudig. Das durchweg positive Feedback habe dazu motiviert. Doch dazu brauche es auch das nötige Kapital.