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Interview Johannes Müller-Lancé sitzt im Vorstand für Forschung und Gleichstellung an der Philosophischen Fakultät der Mannheimer Uni und klärt in seinem Seminar über feministische Linguistik auf

„Sprache kann die Gesellschaft verändern“

Archivartikel

Inter.Der internationale Weltfrauentag findet seit 1911 jährlich am 8. März statt. Ursprünglich entstand er aus der Initiative sozialer Organisationen heraus, die für die Gleichberechtigung, das Wahlrecht und die Emanzipation von Frauen kämpften. Heute kämpfen Frauen noch immer für Gleichberechtigung. Gerade deshalb ist das Bewusstsein für den Umgang mit der Sprache so wichtig, findet Johannes Müller-Lancé.

Herr Müller-Lancé, stellen Sie sich vor, sie lesen einen Aufsatz, in dem keine geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Anstatt von „Studierenden“ ist die Rede von „Studenten“. Wie denken Sie darüber?

Johannes Müller-Lancé: Die Formulierung „Studierende“ ist auf jeden Fall sinnvoll, da Studien gezeigt haben, dass sich mit dem männlichen Ausdruck, also „Studenten“, Frauen weniger angesprochen fühlen. Ich verwende seit diesem Semester anstatt des Binnen-I immer das Gender-Sternchen bei „Kommiliton*innen“, weil ich mich mehr mit Gleichstellungsfragen auseinandergesetzt habe. Auch wenn es nicht schöner ist und mühsam sein kann, ist es in öffentlichen Kontexten wichtig, alle Menschen anzusprechen. Im privaten Bereich finde ich es persönlich nicht schlimm, nur „Schüler“, anstatt „Schüler*innen“ zusagen, zumal man den Unterschied zwischen Binnen-I und Gender-Sternchen in der gesprochenen Sprache sowieso nicht hört.

Sie bieten ein Seminar zum Thema „Sprachwandel vor dem Hintergrund feministischer Linguistik und politischer Korrektheit“ an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Müller-Lancé: Feministische Linguistik hat politische Ziele und möchte die Gesellschaft verändern. Luise F. Pusch hat bereits 1984 vorgeschlagen, dass wir neue geschlechtslose Wörter wie „das Professor“ nutzen sollten. Das würde den Sprachgebrauch vereinfachen, da wir einen Überbegriff hätten, der jedes Geschlecht umfasst. Im Seminar widmen wir uns außerdem der politischen Korrektheit und dem Wandel bei Berufsbezeichnungen in unterschiedlichen Ländern. In Spanien gibt es zum Beispiel nur den männlichen Ausdruck „la piloto“ für die Pilotin, in Lateinamerika auch die komplett feminisierte Form „la pilota“.

In Ihrem Seminar zur feministischer Linguistik gehen Sie auch der Frage nach, ob Sprache Gesellschaft verändern kann. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Müller-Lancé: Zu einem gewissen Grad kann Sprache das Denken sensibilisieren, was sich daran erkennen lässt, dass sich Männer und Frauen angesprochen fühlen, wenn man die maskuline als auch die feminine Bezeichnung verwendet. Wenn auf diese Weise das Denken beeinflusst wird, dann können so auch gesellschaftliche Prozesse, wie die Berufswahl von Jugendlichen, beeinflusst werden. Die Gesellschaft kann für die Unterschiede, die sich aus dem Sprachgebrauch ergeben, sensibilisiert werden und so können heimliche Machtstrukturen aufgebrochen werden, indem man deutlich benennt, was man meint.

Dieses Interview wurde persönlich geführt und dem Gesprächspartner vor Abdruck vorgelegt.