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Campus Die Anglistische Theatergruppe der Uni Mannheim macht Theater nur auf Englisch und präsentierte ihre neue Inszenierung

Sprache verändert das Spiel

Archivartikel

Ein Regisseur ist der kreative Kopf hinter einem Theaterstück. Er werkelt im Verborgenen, bleibt für die Zuschauer oft unsichtbar. Die Schauspieler dagegen sind von ihm abhängig. Sie brauchen ihn als Korrektiv und als Ansprechpartner, wenn es um die Charakterzeichnung einer Rolle geht. Das wichtigste Handwerkszeug des Regisseurs ist die Kommunikation und die erfolgt über Sprache. Meist fühlt man sich in der eigenen Sprache am sichersten und kann das Gedachte am authentischsten transportieren.

Handwerkszeug verloren

Seitdem er 16 Jahre alt ist, führt Benjamin Kohler in seiner Freizeit Regie. Doch eigentlich studiert der 21-Jährige an der Uni Mannheim VWL. Kohler hat am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn einem das wichtigste Handwerkszeug entzogen wird: die eigene Sprache. Denn im laufenden Semester hat er mit der „Anglistic Theatre Group“ der Universität Mannheim das englischsprachige Theaterstück „An enemy of the people“ inszeniert.

Das gesellschaftskritische Stück Henrik Ibsens, welches im deutschen „Ein Volksfeind“ heißt, handelt von einem Dorf, dessen Wohlstand auf dem dortigen Kurbad basiert. Ein Doktor, dessen Bruder der Bürgermeister der Stadt ist, möchte ein wissenschaftliches Gutachten veröffentlichen, wonach das Wasser des Bades verseucht ist. Die anfängliche Zustimmung der Bürgerschaft schlägt schnell in Ablehnung um, als der Bruder des Professors die Medien unter Druck setzt, mit steuerlichen Konsequenzen droht und seinen Bruder bei einer öffentlichen Versammlung als Feind der Menschen diffamiert.

So wie die Gruppe das Drama in der englischen Version probte, erfolgte auch die ganze interne Kommunikation auf Englisch. Für Kohlers Arbeit eine echte Umstellung: „Bisher hatte ich nur auf Deutsch Regie geführt. Meine ganze Arbeit fußt auf dem Austausch mit den Schauspielern“, sagt er. „Wenn einem die Sprache weggenommen wird, fehlen einem die Basisinstrumentarien.“

Aus Sicht der Schauspieler bietet der Wechsel in eine andere Sprache aber auch Vorteile. Florian Jirousch, der als BWL-Student gemeinsam mit Laurin Buchheim das Marketing für das Stück organisierte, erzählt, dass er sich beim Spiel in einer anderen Sprache freier fühle. Man lege Gewohnheiten und Sprechmuster unbewusst ab. „Mir fällt das Fluchen auf Englisch deutlich leichter“, ergänzt ihn Sophia Rose mit einem Lächeln auf den Lippen. Die 21-Jährige hatte im vergangenen Semester die organisatorische Leitung der Gruppe inne. Und auch Regisseur Kohler konnte der für ihn neuen Sprache nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit etwas abgewinnen. Freudig habe er festgestellt, dass sich der Gestus seiner Schauspieler verändert habe und sie mehr aus sich herausgekommen seien.

Insgesamt 23 Schauspieler und Techniker waren an der Erarbeitung des Theaterstücks beteiligt. Das stellte vor allem Sophia Rose als Organisationschefin regelmäßig vor große Herausforderungen. „Für so viele Leute passende Termine zum Proben zu finden, ist gar nicht so einfach, wenn nicht sogar unmöglich“, sagt die 21-Jährige. Dass Rose in ihrem Leben einmal auf einer Bühne stehen würde, sei schon immer klar gewesen. Nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihr Großvater war als Schauspieler tätig. Dementsprechend früh sei sie „auf die Bühne geschubst worden“. Und als sie während der Schulzeit für ein Jahr nach Amerika ging, suchte sie sich auch dort sofort eine Theatergruppe.

Einen Raum ohne Scham schaffen

Zu Beginn des vergangenen Wintersemesters wechselte sie dann hinter die Bühne. Gemeinsam mit Benjamin Kohler wählte sie auch das Stück aus. „Im Herbst dreht sich bei uns aufgrund der Kürze des Semesters alles um Improvisationstheater und das Erlernen schauspielerischer Techniken. Das ist eine gute Möglichkeit, die Schauspieler kennenzulernen.“ Das helfe später bei der Vergabe der Rollen.

Mitte Februar begannen die Studenten mit den Proben. Kohler beschreibt seine Arbeit dabei so: „Meine Hauptaufgabe ist es, einen Raum zu schaffen, in dem sich die Leute frei fühlen können. Niemand soll Scham empfinden müssen.“

Die harte Arbeit sollte sich auszahlen. Alle vier Auftritte der Gruppe waren ausverkauft. Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmte. Das merkten auch die etwa 60 Zuschauer beim vergangenen Auftritt im Arkadentheater. Sie würdigten die Leistung des Ensembles mit minutenlangem Applaus. Und der ist bekanntermaßen in jeder Sprache verständlich.