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Sozialpsychologie Geschlechterstereotype sind in Gesellschaft fest verankert / Frauenquote könnte Vorteilen entgegenwirken

Typisch Mann, typisch Frau?

Archivartikel

Frauen können nicht Autofahren, Männer haben einen guten Orientierungssinn – Geschlechterstereotype sind allseits bekannt. Doch wieso sind sie in unserer Gesellschaft so fest verankert, und wie kann man ihnen entgegenwirken?

Geschlechtsstereotype seien zuerst einmal nur die Vorstellung darüber, dass Männer und Frauen mit bestimmten Eigenschaften, Rollen und Aussehen verbunden sind, weiß Dagmar Stahlberg. Die Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Mannheim erforscht die wissenschaftliche Sicht auf diese Vorurteile.

Die Wissenschaft geht zwar davon aus, dass es zwischen den Geschlechtern in Führungsstil und -effizienz nur geringe Unterschiede gibt. Trotzdem markiert auch in Deutschland der Aktionstag „Equal Pay Day“ am 18. März symbolisch den Verdienstunterschied zwischen Mann und Frau: Noch immer verdienen Frauen durchschnittlich 21 Prozent weniger als Männer.

Die Lohnlücke lässt sich auch auf die geschlechterstereotype Wahrnehmung zurückführen, ist Stahlberg überzeugt. Dem Vorurteil, dass Frauen zu sanft für Führungsaufgaben seien, könnte eine Frauen-Quote entgegenwirken, findet die Professorin. Denn erst wenn die Menschen selbst erleben, dass unterschiedliche Frauen maskuline Verhaltensweisen im Beruf zeigen, wäre es möglich, dass sich diese Vorstellung im Laufe der Zeit verändern kann, glaubt Stahlberg. „Frauen werden oft als einfühlsam, kinderlieb und kooperativ angesehen. Wohingegen Männer mit Intelligenz, Entscheidungsfreudigkeit und Dominanz assoziiert werden“, sagt Stahlberg. Diese Stereotype setzten sich nicht einfach so in unsere Köpfe, sondern werden durch Eltern, Schule und die Medien erlernt. „Oftmals steckt auch ein Körnchen Wahrheit darin – schließlich haben Frauen und Männer nicht die gleichen Interessen“, erklärt die Sozialpsychologin.

Fragt man etwa, wer gerne Schuhe kauft oder wer gerne Fußball spielt, so gehen die Vorlieben von Männern und Frauen auseinander. „Geschlechterstereotype setzen hier an, übertreiben jedoch und werden auf jedes einzelne Mitglied der Gruppe angewandt“, ergänzt Stahlberg. Historisch lassen sich die Vorurteile aber auch auf die Evolution zurückführen: Während die Frauen Kinder gebaren und sich als Mütter um die Neugeborenen kümmerten und Beeren pflückten, waren die Männer für die Jagd zuständig. Und so haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte aus jener Rollenverteilung unterschiedliche Eigenschaften ergeben, die auf jede einzelne Person übertragen werden, skizziert Stahlberg die Entstehungsgeschichte der Stereotype. Deshalb nimmt man bis heute an, dass Männer nicht nur aufgrund ihrer Rolle stark sind, sondern weil sie Männer sind.

Vorurteile schwer zu korrigieren

Laut aktuellem Forschungsstand haben sich die Geschlechterstereotype über die Zeit kaum verändert. Denn die Vorurteile werden immer wieder erlernt und bestätigt. „Wir nehmen nur das wahr, was gut zu den Stereotypen passt, die bereits erlernt sind. Andere Sachen werden einfach wieder vergessen“, sagt Stahlberg. So nehmen etwa die meisten Angela Merkel durchaus als Bundeskanzlerin, und somit als Frau, die eine Führungsposition innehat, wahr. Gleichzeitig stecken viele die Kanzlerin unbewusst in eine Unterkategorie und reden sich ein, sie sei eben eine untypische „Karrierefrau“. Fest verankerte Stereotype lassen sich nicht von heute auf morgen korrigieren. „Wir müssten viele andere Eindrücke, die gegen unser stereotypes Bild sprechen, beobachten und das über viele Jahre und anhand vieler verschiedener Personen, damit sich die Stereotype verändern können“, erklärt die Professorin.

Neben einer Quote könnte Training, das die Vorurteile bei der Beförderung von Frauen aufhebt, geschlechtsgerechte Sprache oder neutrale Bewerbungen ohne Bild und Geschlecht weitere Mittel für die Gleichstellung sein. Die Aufklärung ist wichtig, um das Denken in Stereotypen zu verhindern: „Viele wissen nicht, dass das Aussehen einen Effekt hat. Eine Frau, die durch ihr schlankes Erscheinungsbild grazil wirkt, kann auch eine Computerfachfrau sein. Ihr weibliches Äußeres sorgt dafür, dass weibliche Stereotype aktiviert werden und von ihr erwartet wird, dass sie als Frau keine Ahnung von Technik hat“, beschreibt Stahlberg das Problem.

Ihre These untermauert die Sozialpsychologin mit Studien, die zeigen, dass das biologische Äußere, wie harte Gesichtszüge bei einer Frau, stärker ins Gewicht fallen als das tatsächliche Geschlecht und diese Frauen als dominanter eingeschätzt werden.