Hochschule

Semesterferien Nach der Klausurenphase fallen manche Studenten in ein Loch / Gefahr für „Entlastungsdepression“ steigt

Umgang mit dem Nichtstun

Gleich ist es geschafft. „Bitte kommen Sie langsam zum Ende“, kündigt die Prüfungsaufsicht mahnend an. Schnell wird noch der letzte Satz zu Papier gebracht, dann ist Zeit, die Klausur abzugeben. Euphorie und Nervosität liegen nun nah beieinander.

Lief es gut? Lief es schlecht? Egal. Hauptsache geschafft. Die letzte Klausur in diesem Semester. Der Gang aus dem Vorlesungssaal gleicht einem Marsch in die Freiheit. Alle freuen sich auf die Semesterferien, auf das süße Nichtstun, das man sich nach wochenlangem Stress verdient hat.

Struktur fehlt

Was einem am Tag der letzten Prüfung noch vorkommt wie ein Traum, wird nicht selten zur neuen Belastung für den einst so fleißigen Studenten: Bald schlägt das süße Nichtstun in bittere Realität um, denn spätestens nach zwei Wochen feiern bis in die Morgenstunden und ausschlafen bis in den frühen Abend hat auch der Faulste unter den Studierenden das Faulenzen satt. Man stellt fest: So ein geregelter Tagesablauf während der Vorlesungszeit war schon etwas Feines. Blöd nur, dass da noch einige Wochen gähnende Semesterferien-Leere vor einem liegen. Auch die 23-jährige Sabrina Seidl, die in Mannheim Politikwissenschaften und Anglistik auf Lehramt studiert, kennt dieses Gefühl: „Wenn man über einen längeren Zeitraum strukturiert sein muss und dann auf einmal gar nichts mehr zu tun hat, hängt man schon mal durch.“ Ähnlich geht es Julia Leimert, die 22-Jährige studiert Grundschullehramt im zweiten Semester an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg: „In der Klausurenphase konzentriert man sich für mehrere Wochen auf ein bestimmtes Ziel. Fällt das dann plötzlich weg, weiß man nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen.“

Was viele Studierende in den Semesterferien erleben, kommt den Erfahrungen Berufstätiger gleich, die sich in den Ruhestand verabschieden. Geschafft von den hohen Leistungsanforderungen, konnte man es kaum erwarten, dem Stress den Rücken zu kehren. Was aber folgt, ist das andere Extrem: zu viel Zeit. In Internetforen für Studierende gibt es zahlreiche Einträge zu diesem Thema. Junge Menschen schreiben hier vom „Semesterferien-Loch“, klagen über depressive Stimmungen und Einsamkeit.

Mögen die geschilderten Symptome für Außenstehende zunächst nach Luxusproblemen und übertriebenem Gejammer klingen, verbirgt sich dahinter in Wirklichkeit ein in der Gesellschaft noch recht unbekanntes psychologisches Phänomen: die sogenannte Entlastungsdepression. Betroffene entwickeln einen depressiven Zustand sobald eine Dauerbelastung, wie beispielsweise eine Prüfungsphase, wegfällt. Dem Dorsch-Lexikon für Psychologie zufolge liegt ein erhöhtes Risiko bei besonders ehrgeizigen und motivierten Menschen vor, die nicht ausreichend Pausen in Zeiten des Stresses einlegen und keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit vornehmen.

Studierende sind also geradezu prädestiniert für das Erleben einer solchen depressiven Phase. Ob es sich nun um eine depressive Verstimmung nach den Prüfungen handelt oder der Semesterferienblues „nur“ von quälender Langeweile herrührt, eins steht fest: Schuld an alledem ist die Tatsache, dass da auf einmal nichts mehr vor einem liegt, außer sehr viel freier Zeit. Dann schnell wieder etwas in Angriff nehmen, beugt einer Entlastungsdepression vor.

Nebenjob als Pausenfüller

Wer seinen beruflichen Horizont erweitern möchte, sollte sich frühzeitig für Praktika bewerben. Solche Erfahrungen sind nicht nur unbezahlbar, Praxiserfahrung macht sich auch im Lebenslauf gut. Durch Ablenkung vom permanenten Karrieredruck, kann mit einem Nebenjob ein guter Ausgleich zum Studium geschaffen werden. Ob Cocktails mixen, Kellnern, Babysitten oder der Job als wissenschaftliche Hilfskraft, eine Aushilfstätigkeit gibt Struktur und nebenbei kommt bei mehreren Wochen regelmäßiger Arbeit auch noch Geld in die Kasse.

Zu guter Letzt kann nach Stresszeiten auch ein Tapetenwechsel wahre Wunder wirken: Reisen bietet Ablenkung, außerdem war es noch nie so günstig, innerhalb Europas von A nach B zu kommen. Übrigens: Vom Mannheimer Hauptbahnhof bis nach Paris sind es nur 3 Stunden Fahrt. Schon manch einer hat bei einem Spaziergang an der Seine seinen Kummer vergessen . . .